Das Leben und das geistliche Wirken von Spencer W. Kimball

Lehren der Präsidenten der Kirche: Spencer W. Kimball


An einem Herbstabend um 1900 ging Orville Allen zum Haus von Andrew Kimball, um ihm ein paar Kürbisse zu bringen. Während die beiden Männer die Kürbisse ausluden, hörten sie zufällig Andrews Sohn Spencer in der Scheune beim Melken der Kühe singen. Bruder Allen meinte zu Andrew: „Dein Junge muss wirklich glücklich sein.“ Andrew antwortete: „Ja, er ist immer glücklich. Er ist ein reiner und gehorsamer Junge, und er tut immer, worum man ihn bittet. Ich habe ihn dem Herrn und seinem Dienst geweiht. Er wird einmal ein wichtiger Mann in der Kirche werden.“1

Spencer wurde im Laufe vieler Jahre der Vorbereitung tatsächlich ein wichtiger Mann. Der Herr „bereitete nicht nur einen Geschäftsmann oder einen Führer im öffentlichen Leben, einen Redner, einen Dichter, einen Musiker oder Lehrer vor – obwohl er das alles ja auch war. Er bereitete einen Vater, einen Patriarchen für seine Familie, einen Apostel und Propheten und einen Präsidenten für seine Kirche vor.“2

Das Erbe

Spencer W. Kimballs Familie war in der wiederhergestellten Kirche tief verwurzelt. Seine beiden Großväter spielten in der frühen Geschichte der Kirche eine wichtige Rolle. Heber C. Kimball wurde in das Kollegium der Zwölf Apostel berufen, als dieses 1835 gegründet wurde. Später war er mehr als zwei Jahrzehnte lang Präsident Brigham Youngs Erster Ratgeber und war während seines gesamten geistlichen Wirkens dem Herrn ein treuer Diener. Edwin D. Woolley, Spencers Großvater mütterlicherseits, war zuvor ein Quäker in Pennsylvania gewesen, der dann das Evangelium zu Joseph Smiths Zeiten annahm. Er war im Salzseetal ein sehr geachteter Bischof. Mehrmals verwaltete er auch Brigham Youngs private geschäftliche Angelegenheiten. Bischof Woolleys Bemühungen um die Bedürftigen und seine unerschütterliche Hingabe an das Evangelium waren ein bleibendes Vermächtnis für seine Nachkommen.

Spencers Großmutter Ann Alice, geb. Gheen, war „eine glaubenstreue Frau, … schüchtern in Gesellschaft, großgewachsen und unauffällig; ihre Sorge galt immer den Schwachen und Kranken.“3 Andrew war ihr dritter Sohn. Spencers andere Großmutter, Mary Ann, geb. Olpin, stammte aus England und war Mutter von elf Kindern. Das sechste hieß Olive.

Andrew Kimball heiratete Olive Woolley am 2. Februar 1882 in Salt Lake City, wo sie sich auch niederließen. Nach etwa drei Jahren wurde Andrew berufen, seine Familie zurückzulassen und in der Mission im Indianergebiet zu dienen, die heute im Staat Oklahoma liegt. Nach zweieinhalb Jahren als Vollzeitmissionar wurde er berufen, über diese Mission zu präsidieren. Diese neue Berufung ermöglichte es ihm, zu Hause zu wohnen, und so lebte er in den nächsten zehn Jahren bei seiner Familie in Utah, während er gleichzeitig die Mission durch Briefe und Reisen in das Gebiet leitete.

Bald nach seinen zwölf Jahren in dieser Mission bekam Andrew eine neue Berufung, und dieses Mal sollte sich die Familie im Gila Valley im Süden Arizonas niederlassen. Dort präsidierte er als Pfahlpräsident über alle Mormonensiedlungen in dieser Gegend, die man als Pfahl St. Joseph zusammengefasst hatte. 1898 packten Andrew und Olive und ihre sechs Kinder (Spencer war gerade drei Jahre alt) in Salt Lake City den gesamten Hausrat zusammen und zogen 960 Kilometer weit gen Süden.

Die Jugendzeit

Spencer Woolley Kimball wurde am 28. März 1895 als sechstes von elf Kindern von Andrew und Olive Kimball geboren.

Er hatte die Landschaft Arizonas im Sinn, in der er seine Jugend verbracht hatte, als er schrieb: „Es war ein ödes Land, das den entschlossen arbeitenden Farmern aber dennoch einen reichen Ertrag brachte.“4 Und weiter erinnerte er sich: „Wir wohnten auf einer kleinen Farm am südlichen Stadtrand von Thatcher in Arizona. Unser Haus lag in einer Ecke des Grundstücks, und das Farmland erstreckte sich nach Süden und Osten. Hinter dem Haus befanden sich der Brunnen, die Pumpe, die Windmühle, ein großer Holztank für unseren Wasservorrat, das Haus mit allen Gerätschaften und etwas weiter hinten lagerte ein sehr großer Holzstoß. Dann kamen die Schweineställe, die Gehege, die Heuschober und der Getreidespeicher.“5

Spencer wurde von seinen Eltern schon früh im Evangelium unterwiesen. „Ich erinnere mich noch“, sagte er, „wie ich als Jugendlicher mit meiner Mutter die staubige Straße zum Haus des Bischofs hinaufging. Damals zahlten wir den Zehnten oft in Naturalien von unseren Tieren und landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Unterwegs fragte ich: ‚Warum bringen wir denn die Eier zum Bischof?‘ Sie erwiderte: ‚Weil es die Zehnteneier sind und weil der Bischof den Zehnten für den himmlischen Vater entgegennimmt.‘ Meine Mutter erzählte mir auch, wie an jedem Abend die Eier eingesammelt wurden. Das erste kam immer in einen kleinen Korb, und die nächsten neun kamen in einen großen Korb.“6

Andrew Kimballs vorbildliches und hingebungsvolles Tun beeinflusste Spencer sehr. Später sagte er: „Meine ersten Eindrücke von der Arbeit eines Pfahlpräsidenten habe ich gewonnen, als ich meinen Vater beobachtete. … Ich glaube, er hat den Mitgliedern so gedient, dass dadurch ein Segen in Erfüllung ging, den ihm Präsident Joseph F. Smith gegeben hatte. Dieser hatte ihm verheißen, dass die Menschen im Gila Valley ‚sich an ihn wenden werden wie ein Kind an seinen Vater‘. Ich bin mir sicher, dass ich sein Beispiel damals nicht voll zu schätzen gewusst habe, aber der von ihm gesetzte Maßstab war eines jeden Pfahlpräsidenten würdig.“7

Die Familie Kimball lebte in bescheidenen Verhältnissen. „Wir wussten nicht, dass wir arm waren“, sagte Spencer einmal. „Wir dachten, es ginge uns ziemlich gut.“8 Ihre Kleidung stellten sie selbst her, sie wurde von einem zum anderen weitergegeben. Das Essen war einfach, die Mahlzeiten bestanden aus Fleisch und dem, was sie auf ihrem Grundstück selbst angebaut hatten.

Spencer half bei der Arbeit auf der Farm mit. „Ich pumpte immer mit der Hand das Wasser für den Garten“, sagte er einmal, „und ich lernte auch, die Kühe zu melken und die Obstbäume zu beschneiden, den Zaun zu reparieren und alle anderen Arbeiten zu verrichten. Ich hatte zwei ältere Brüder, die sich, davon war ich überzeugt, alle einfachen Arbeiten aussuchten und mir die schwierigeren überließen. Aber ich will mich nicht beklagen; es hat mich stark gemacht.“9 Als er neun Jahre alt war, begann er, während er die Kühe molk und den Pferden täglich Wasser brachte, die Glaubensartikel, die Zehn Gebote und die meisten Lieder aus dem Gesangbuch auswendig zu lernen.

Spencers Mutter starb, als er elf Jahre alt war. Das war eine der schwersten Prüfungen in seiner Kindheit. Er fragte sich, was wohl aus der Familie werden solle. „Aber damals erkannte ich“, sagte er, „wie so oft danach auch, dass man fast alles ertragen kann“.10 Nach einiger Zeit heiratete Andrew Kimball ein zweites Mal, und Josephine Cluff wurde Spencers Stiefmutter. „Josie“, wie ihre Freunde sie nannten, konnte Olive in Spencers Leben zwar nicht ersetzen, aber ihre zupackende und geduldige Art brachte der Familie Kimball Stabilität.

In seiner Jugend lernte Spencer nicht nur, in einem unwirtlichen Land hart zu arbeiten, sondern er entwickelte auch verschiedene Fertigkeiten, die ihn auf eine größere Aufgabe in seinem späteren Leben vorbereiteten. Er lernte singen und dirigieren und wurde mit 15 Jahren Leiter des Pfahlchors. Obwohl seine Finger seiner eigenen Beschreibung nach „kurz und rundlich“11 waren, bemühte er sich sehr, Noten lesen und Klavierspielen zu lernen. Er wurde immer besser, bis er die Lieder spielen und in einem kleinen Orchester mitspielen konnte. Jahre später wechselte er sich mit Elder Harold B. Lee als Organist bei den wöchentlichen Versammlungen des Kollegiums der Zwölf Apostel ab.

Spencer begann mit der Schule erst etwas später als die meisten Kinder, wie aus dem folgenden Bericht ersichtlich ist: „Spencers Mutter meinte, Kinder seien bis zum Alter von sieben Jahren noch nicht reif genug für die Schule. Deswegen war Spencer ein Jahr hinterher, als er in die Schule kam. … Zu Mittag rannte er normalerweise die drei Häuserblocks von der Schule nach Hause, um Wasser für die Tiere hochzupumpen, die Schweine zu füttern und zu Mittag zu essen. Eines Tages fragte seine Mutter: ‚Was machst du während der Pause zu Hause? Es ist doch noch nicht Mittag.‘ Voller Angst lief er zur Schule zurück und fand seine Mitschüler, die nach der kurzen Pause schon wieder drinnen saßen. Alle lachten – nur der Lehrer nicht, der die Gelegenheit ergriff, um der Klasse zu sagen, dass Spencer schon alle Zweitklässler überflügelt habe und zu den Kindern seines Alters hochgestuft werden würde.“12

Nach der Grundschule besuchte Spencer die kircheneigene Gila Academy. Dort bekam er immer gute Noten, trieb Sport und bekleidete ein Amt in der Schule.

Spencer erwarb auch immer mehr Erfahrung in der Kirche, und er war fast lückenlos anwesend. Die Erfüllung von Aufträgen im Priestertum hatte Vorrang, wie der folgende Bericht verdeutlicht: „Es gehörte zu ihrer Arbeit, dass die Diakone jeden Monat vor dem Fasttag Pferd und Wagen anschirrten und von Haus zu Haus fuhren, um die Spenden für die Armen in der Kirche einzusammeln. Danach brachten sie alles, was sie eingesammelt hatten, dem Bischof – eingewecktes Obst, Mehl, Saft, Honig, gelegentlich auch einen halben Dollar in kleinen Münzen. Andrew war so eifrig bemüht, seinem Jungen seine Pflicht beizubringen, dass Spencer an diesem Tag durch nichts vom Sammeln abgehalten werden konnte. Pferd und Wagen der Familie Kimball waren nie so stark beansprucht, dass sie nicht auch für die Arbeit des Diakonskollegiums zur Verfügung standen. Tauchte der andere Junge, der beauftragt war, die Sammlung mit ihm durchzuführen, nicht auf, zog Spencer allein los und erledigte die Arbeit.“13

Zusätzlich zu seinen Aufgaben zu Hause, in der Schule und in der Kirche arbeitete Spencer als Sekretär für seinen Vater. Andrew schrieb viele Briefe, etwa sechs am Tag. Spencer schrieb auf, was sein Vater ihm diktierte, und tippte dann die Briefe mit der Schreibmaschine.

Durch diese Erlebnisse in seinen frühen Tagen lernte Spencer den Wert der Arbeit, etwas, was er sein ganzes Leben lang umsetzte und lehrte. Jahre später, als Apostel um die siebzig, gab es immer wieder Tage, an denen er sich körperlich erschöpft fühlte. Über einen dieser Tage schrieb er: „Zu Tagesbeginn fühlte ich mich sehr schlecht, und ich fragte mich, ob ich diesen Tag wohl schaffen würde, aber … ich schien von meiner Arbeit wie berauscht und vergaß mich selbst. Es wurde ein guter Tag.“14

Missionsdienst

1914 schloss Spencer die Gila Academy ab und wollte ab Herbst die Universität von Arizona besuchen. Während der Prüfungszeit verkündete Andrew Kimball jedoch, dass Spencer auf Mission berufen werden würde.

Um sich auf seine Mission vorzubereiten, begann Spencer, in Globe in Arizona in einer Molkerei zu arbeiten. Zum ersten Mal lebte er nun außerhalb der Mormonensiedlungen im Gila Valley. Er stellte fest, dass er seine eigenen Maßstäbe nicht aufgeben musste und sich darauf einstellen konnte, mit Menschen zusammen zu sein, deren Maßstäbe mit seinen nicht vollständig übereinstimmten. Seine Arbeitskollegen respektierten ihn. Als der Sommer zu Ende ging, veranstaltete sein Chef, der Zigarre rauchte und kein Mitglied war, eine Abschiedsfeier für Spencer und schenkte ihm eine goldene Uhr mit einer Gravur.

Von Oktober 1914 bis Dezember 1916 erfüllte er eine Vollzeitmission in der Central-States-Mission, deren Hauptsitz in Independence in Missouri war. Dort hatten auch schon sein Vater, seine Stiefmutter und einer seiner älteren Brüder gedient.

In seiner Zeit als Vollzeitmissionar machte Elder Kimball große Fortschritte. Die körperlichen Anforderungen waren hoch. Sein Missionspräsident hatte die Missionare angewiesen, von den Menschen, die sie belehrten, Nahrung und Unterkunft zu erbitten. Und so verbrachte Elder Kimball viele unbehagliche Nächte in kleinen Hütten im Hinterland Missouris. Das Bett teilte er mit Flöhen oder Wanzen, und Mücken umschwirrten ihn. An vielen Tagen war er hungrig, und wenn ihm Essen angeboten wurde, aß er, was ihm hingestellt wurde.

Die Kontaktaufnahme war schwer. Man ging von Tür zu Tür und wurde selten gebeten, wiederzukommen. Es gibt einen Bericht darüber, wie Elder Kimball einmal auf ungewöhnliche Weise einen Kontakt herstellte:

„Während sie in St. Louis von Tür zu Tür gingen, sah er durch die halb geöffnete Tür ein Klavier, und er sagte zu der Frau, die gerade die Tür vor seiner Nase zumachen wollte: ‚Sie haben da ein gutes Klavier.‘

‚Wir haben es gerade erst gekauft‘, sagte die Frau zögernd.

‚Es ist ein Kimball, nicht wahr? Ich heiße auch so. Ich könnte Ihnen darauf ein Lied vorspielen, das Ihnen vielleicht gefallen wird.‘

Überrascht antwortete sie: ‚Sicher, kommen Sie herein.‘

Als er auf der Klavierbank saß, spielte Spencer: ‚O, mein Vater‘ und sang dazu.

So weit Spencer wusste, schloss sie sich nie der Kirche an, aber das lag nicht daran, dass er sich nicht bemüht hätte.“15

Spencers Mission verstärkte, was durch seine Erziehung in Arizona schon angelegt worden war: Glauben an den Herrn, schwere Arbeit, Hingabe, stiller Dienst und Opferbereitschaft.

Ehe und Familie

Im Sommer 1917, etwa sieben Monate, nachdem Spencer Kimball von seiner Mission nach Hause gekommen war, sah er eine Ankündigung in der örtlichen Zeitung. Camilla Eyring, die mit ihrer Familie 1912 ins Gila Valley gezogen war, sollte an der Gila Academy Hauswirtschaftslehre unterrichten. Spencer las den Artikel immer wieder und beschloss, Camilla Eyring eines Tages zu heiraten. „Zufällig“ traf er sie an der Bushaltestelle nahe der Academy und fing ein Gespräch mit ihr an. Er saß im Bus neben ihr und setzte die Unterhaltung fort. Sie gestattete ihm, sie zu besuchen.

Camillas Mutter mochte den jungen Spencer Kimball sehr. Jedes Mal, wenn er vorbeikam, um Camilla zu besuchen, lud sie ihn zum Abendessen ein. Und Bruder Eyring, der sehr streng darauf bedacht war, dass die Verehrer seiner Tochter in Ordnung waren, hatte nichts dagegen. Nach 31 Tagen gehörte Spencer quasi schon zur Familie Eyring. Das Paar beschloss zu heiraten, aber die Pläne wurden durch den Ersten Weltkrieg behindert. Weil Spencer gezwungen war, in Thatcher in Arizona zu bleiben, um seine mögliche Einberufung in die Armee abzuwarten, konnte man die weite Reise zu einem Tempel in Utah nicht antreten. Am 16. November 1917 fand die Ziviltrauung statt, aber das Paar freute sich auf seine Siegelung im Tempel, die so bald wie möglich vollzogen werden sollte. Dieses Ziel erreichte es dann im folgenden Jahr im Juni im Salt-Lake-Tempel.

Spencer und Camilla hatten vier Kinder: drei Söhne und eine Tochter (Spencer LeVan, Andrew Eyring, Edward Lawrence und Olive Beth). Sie schufen ihren Kindern ein Umfeld, in dem sie sich nicht nur geliebt und unterstützt fühlten, sondern auch darauf vertrauen konnten, dass sie sich selbst entscheiden konnten. Einer ihrer Söhne sagte rückblickend:

„Wenn die Kinder eine Aufgabe in der Schule, in der Kirche oder sonst wo zu erfüllen hatten, waren meine Eltern immer anwesend, auch wenn sie selbst Opfer dafür bringen mussten. Sie zeigten immer, dass sie an uns interessiert und stolz auf uns waren.

In unserer Familie herrschte ein Geist der Zusammengehörigkeit und kein Besitzdenken. Die Verantwortung für unser Tun lag letztlich bei uns selbst. Unsere Eltern ermutigten und führten uns, sie gaben uns aber keine Befehle.“

Und weiter sagte dieser Sohn von seinem Vater:

„Ich kenne keinen Menschen, der einen großmütigeren Geist hätte als mein Vater. Er ist freundlich und rücksichtsvoll, das ist schon fast ein Fehler. Kinder neigen dazu zu glauben, ihre Eltern seien die mächtigsten Autoritätspersonen und gewöhnlichen Bedürfnissen nicht unterworfen. Ich aber weiß, wie sehr mein Vater ein aufrichtiges Kompliment oder ein anerkennendes Wort schätzt. Und kein Ausdruck der Wertschätzung oder Zuneigung zählt so viel, als wenn er von seiner eigenen Familie kommt.

Ich weiß, dass ihm nichts größere Befriedigung bringt – abgesehen von dem Gefühl, dass der Herr seine Anstrengungen billigt – als zu sehen, dass die eigene Familie seiner Führung nachfolgt in dem Bemühen, rechtschaffen zu leben.

Hätte ich die Wahl, wer mich am Jüngsten Tag richten sollte, so gäbe es kein menschliches Wesen, das ich meinem Vater vorziehen würde.“16

Berufsleben, Berufungen in der Kirche und Dienst im Gemeinwesen

Mit Camilla an seiner Seite und im Hinblick auf seine Verantwortung für eine wachsende Familie begann er ein Berufsleben als Bankangestellter. Nach einigen Jahren wechselte er vom Bankgeschäft in den Bereich Lebensversicherung und Immobilienmarkt. Die wirtschaftlichen Unruhen während der Weltwirtschaftskrise (1929–1939) trafen Spencers Geschäfte hart, aber die Familie konnte die schwere Zeit überstehen.

1924 starb Spencers Vater, nachdem er fast drei Jahrzehnte lang Pfahlpräsident gewesen war. Als Präsident Heber G. Grant, der siebente Präsident der Kirche, daraufhin eine neue Pfahlpräsidentschaft aufstellte, wurde der neunundzwanzigjährige Spencer als Zweiter Ratgeber berufen.

Neben seinem Familienleben, den beruflichen Herausforderungen und dem Dienst in der Kirche brachte sich Spencer auch aktiv im öffentlichen Leben ein. Er wirkte bei der Gründung der ersten örtlichen Radiostation mit. Er war aktives Mitglied im Rotary Club, einer Hilfsorganisation, und er war schließlich deren Distriktsvorsitzender.

1938 wurde der Pfahl St. Joseph geteilt und Spencer als Präsident des neuen Pfahls Mount Graham berufen. Da er die Sorge hatte, einige, über die er präsidieren sollte, hätten ihm gegenüber schlechte Gefühle, besuchten Spencer und Camilla diejenigen, die solche Gefühle hegen könnten, um „reinen Tisch zu machen“.17

Im September 1941 wurde die Stadt während seiner Amtszeit als Pfahlpräsident von einer großen Überschwemmung heimgesucht. Dauerregen hatte den Wasserstand des Gila River ansteigen lassen, bis letztlich die Straßen in einigen Teilen der Stadt unter Wasser standen. Wohnhäuser und Farmen wurden vom Wasser weggespült. Die Bewohner, von denen die meisten der Kirche angehörten, brauchten dringend Hilfe. Als er von den Verwüstungen hörte, belud Spencer sein Auto mit Lebensmitteln aus den Vorräten der Kirche und fuhr zu den von der Flut Betroffenen. Er organisierte die Reinigung schmutziger Kleidung. Er half den Farmern, Futtergetreide für die Tiere zu beschaffen. Bald kam auch eine Lastwagenladung voll Lebensmittel und Kleidung an. Innerhalb einer Woche waren alle, die von der Überschwemmung am meisten betroffen waren, wieder auf den Beinen. Die Mitglieder zeigten sich ausnahmslos großzügig. Spencer leitete die Erhebung der Bedürfnisse und die Verteilung der Hilfsgüter. Dabei stand er in engem Kontakt mit Elder Harold B. Lee vom Kollegium der Zwölf Apostel, in dessen Aufgabenbereich auch das Wohlfahrtsprogramm fiel.

Das Apostelamt

Am 8. Juli 1943 rief Präsident J. Reuben Clark von der Ersten Präsidentschaft Spencer zu Hause an. Er sagte, Spencer sei berufen worden, einen der beiden freien Plätze im Kollegium der Zwölf Apostel einzunehmen. Spencer sagte daraufhin: „O, Bruder Clark! Doch nicht ich? Sie meinen doch nicht mich? Das muss ein Irrtum sein. Ich habe Sie wohl nicht richtig verstanden. … Das kommt mir unmöglich vor. Ich bin so schwach und gering, so unvollkommen und unfähig.“18 Spencer versicherte Präsident Clark, dass es auf eine Berufung vom Herrn nur eine mögliche Reaktion geben könne. Er war zwar bereit zu dienen, aber dennoch fühlte er sich zunächst unzulänglich und unwürdig.

Diese Gefühle wurden in den nächsten Tagen noch intensiver, und Spencer fand wenig oder gar keinen Schlaf. Als er zu Besuch bei seinem Sohn in Boulder in Colorado war, stieg er eines Tages ganz früh am Morgen auf einen Hügel. Beim Höherklettern dachte er über die große Bedeutung des Apostelamts nach. Der Gedanke, er könne den Erwartungen nicht gerecht werden und bei seiner Berufung könne ein Fehler vorliegen, quälte ihn. In dieser Verfassung gelangte er zum Gipfel des Berges. Dort begann er zu beten und nachzudenken. „Und wie ich betete!“, sagte er später. „Und wie ich litt! Und wie ich weinte! Und wie ich mit mir rang!“ In dieser Pein hatte er einen Traum von seinem Großvater Heber C. Kimball und von „dem großen Werk, das er vollbracht hatte“. All das besänftigte Spencers Herz. „Ich war von Ruhe und Zuversicht erfüllt, Zweifel und Fragen verschwanden. Mir war, als sei eine große Last von mir gewichen. Ich saß ruhig da. Es war still, und ich blickte über das wunderschöne Tal und dankte dem Herrn für die Zufriedenheit und die beruhigende Antwort auf meine Gebete.“19 Am 7. Oktober 1943 wurde Spencer W. Kimball mit 48 Jahren zum Apostel ordiniert.

Elder Kimballs Dienst im Kollegium der Zwölf Apostel erstreckte sich über drei Jahrzehnte. In dieser Zeit war er viel unterwegs. Er stärkte die Mitglieder und trug zum Wachstum des Gottesreiches bei. Er hatte von Präsident George Albert Smith den besonderen Auftrag erhalten, sich ganz besonders um die Nachkommen des Propheten Lehi aus dem Buch Mormon zu kümmern, die Ureinwohner auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Er setzte sich beredt für ihre Interessen ein – sowohl in den höheren Kollegien der Kirche als auch bei den Mitgliedern im Allgemeinen. Er erhob seine Stimme gegen die Unterdrückung der Armen sowie gegen Vorurteile gegen verschiedene Rassen.

In seinen Reden konnte sich Elder Kimball sowohl poetisch als auch klar und deutlich ausdrücken. Er griff oft heikle Themen auf, die für jedes Mitglied der Kirche von Interesse waren. Neben seinen zahlreichen Ansprachen verfasste er auch das Buch Das Wunder der Vergebung. Dieses Buch entsprang der langjährigen Erfahrung Elder Kimballs als Apostel. Er hatte viele beraten, die sich einer schwerwiegenden Übertretung schuldig gemacht hatten. In dem Buch erklärte er, was der Herr von uns erwartet, unser göttliches Potenzial und den Pfad, dem wir folgen müssen, wenn wir umkehren und die Zusicherung der vollständigen Vergebung durch Gott erlangen wollen. Elder Kimball bezeugte dem Leser, dass der Herr barmherzig ist und denen vergibt, die aufrichtig umkehren.

Herausforderungen gesundheitlicher Art

Im Laufe seines Leben litt Spencer W. Kimball an unterschiedlichen Verletzungen und Krankheiten. Zwei große Herausforderungen gesundheitlicher Art trafen ihn in den Jahren, als er Apostel war. Die erste Krankheit hinterließ bei Elder Kimball eine bleibende Spur, die immer, wenn er sprach, zutage trat. Ende 1956 bemerkte er, dass seine Stimme heiser war. Die Diagnose lautete Kehlkopfkrebs. Bei einer Operation im Juli 1957 wurde ein Stimmband komplett und das zweite teilweise entfernt. Danach schonte er seine Stimme, um die bestmögliche Heilung zu erzielen. In schlaflosen Nächten fragte sich Elder Kimball, ob er jemals wieder sprechen werde.

Sechs Monate nach der Operation erklärten die Ärzte, Elder Kimballs Kehlkopf sei verheilt. Elder Boyd K. Packer vom Kollegium der Zwölf Apostel berichtete, wie humorvoll Elder Kimball die Zuhörer auf seine neue Stimme aufmerksam machte:

„Dann folgte der Test. Würde er sprechen können? Würde er das Evangelium verkünden können?

Zu seiner ersten öffentlichen Ansprache fuhr er nach Hause [nach Arizona]. … Dort, anlässlich einer Konferenz des Pfahles St. Joseph … stand er am Rednerpult.

‚Ich bin nach Hause gekommen‘, sagte er, ‚um bei meinen eigenen Leuten zu sein. Hier war ich einmal Pfahlpräsident.‘ Vielleicht dachte er, wenn er es nicht schaffen sollte, dann wäre er wenigstens bei den Menschen, die ihn am meisten lieben und die ihn verstehen würden.

Es herrschte eine besonders liebevolle Atmosphäre. Die Spannung dieses dramatischen Augenblicks löste sich, als er fortfuhr: ‚Ich will Ihnen erzählen, was mir passiert ist. Ich bin in den Osten gereist, und dort bin ich Halsabschneidern in die Hände gefallen. ‚Was er danach sagte, war nicht mehr wichtig. Elder Kimball war wieder da!“20

Seine neue Stimme klang sanft, tief und würdevoll. Elder Packer beschrieb sie so: „Eine leise, überzeugende, weiche Stimme, eine antrainierte Stimme, eine angenehme Stimme, … die den Heiligen der Letzten Tage zu Herzen ging.“

Elder Kimball hatte auch ernste Herzprobleme. Nachdem er Apostel geworden war, erlitt er eine Reihe von Herzinfarkten. 1972, während seiner Zeit als Amtierender Präsident des Kollegiums der Zwölf, unterzog er sich einer riskanten Operation. Dr. Russell M. Nelson war damals Präsident Kimballs Herzchirurg. Später, als er dem Kollegium der Zwölf Apostel angehörte, erzählte Elder Nelson, was während dieser Operation geschah: „Niemals werde ich das Gefühl vergessen, als sein Herz wieder zu schlagen begann, es pochte kräftig und heftig. In diesem Augenblick ließ mich der Geist wissen, dass dieser besondere Patient weiterleben wird, um der Prophet Gottes auf Erden zu werden.“

Präsident der Kirche

In der Nacht zum 26. Dezember 1973 starb Präsident Harold B. Lee, der elfte Präsident der Kirche, ganz unerwartet. Gemäß der Ordnung bei der apostolischen Nachfolge in der Kirche wurde Spencer W. Kimball am 30. Dezember 1973 als dienstältestes Mitglied des Kollegiums der Zwölf der Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Dies kam für die Mitglieder der Kirche überraschend – und besonders für Präsident Kimball. Er war zweieinhalb Jahre nach Harold B. Lee zum Apostel ordiniert worden. Da Präsident Kimball vier Jahre älter war als Präsident Lee und offenbar auch nicht so gesund wie er, hatte er angenommen, dass er nicht lange genug leben würde, um Präsident Lee nachfolgen zu können. Später erzählte er: „Ich war mir ganz sicher, dass ich, wenn meine Zeit gekommen war, als Präsident der Zwölf sterben würde. … Beim Begräbnis von Präsident Lee sagte ich, niemand hätte intensiver für seine Gesundung, wenn er krank war, und für sein beständiges Wohlergehen, wenn er gesund war, gebetet als meine Frau und ich.“23

Präsident Kimball wurde anlässlich der Generalkonferenz im April 1974 von den Mitgliedern der Kirche bestätigt. Er hatte diese Position nicht angestrebt, aber der Herr hatte ihn erwählt, sein Prophet, Seher und Offenbarer zu sein und seine Kirche und sein Reich auf Erden zu führen.

Im Rahmen dieser Frühjahrs-Generalkonferenz hielt Präsident Kimball bei einer Versammlung für die Führer der Kirche eine Ansprache über die Missionsarbeit. Elder William Grant Bangerter, der später zur Präsidentschaft der Siebziger gehören sollte, war damals Regionalrepräsentant und in dieser Versammlung anwesend. Später erinnerte er sich an die Wirkung, die Präsident Kimballs Worte hatten:

„Wir erkannten, dass Präsident Kimball geistige Fenster auftat und uns einlud, mit ihm einen Blick auf die Pläne für die Ewigkeit zu werfen. Es war, als zöge er die Vorhänge beiseite, die die Absichten des Allmächtigen verdeckten, und als lade er uns ein, mit ihm die Zukunft des Evangeliums und seine Auswirkungen zu betrachten.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der damals dabei war, diese Versammlung vergessen kann. Ich habe Präsident Kimballs Ansprache seither nur wenige Male nachgelesen, aber der Inhalt prägte sich so nachhaltig in mein Bewusstsein ein, dass ich das meiste auch jetzt noch aus dem Gedächtnis wiederholen könnte.

Der Geist des Herrn ruhte auf Präsident Kimball, und von ihm aus ging er auch auf uns über als etwas fühlbar Gegenwärtiges, das uns zugleich bewegte und erschreckte. Vor unseren Augen breitete er eine herrliche Vision aus.“24

Präsident Kimballs damalige Ansprache sprach ein zentrales Thema in seinem Wirken als Präsident der Kirche an:

„Meine Brüder, ich frage mich, ob wir wirklich alles tun, was wir können. Sind wir zufrieden damit, wie wir aller Welt das Evangelium verkünden? Wir missionieren seit nunmehr 144 Jahren. Sind wir bereit, größere Schritte zu machen, unser Blickfeld zu erweitern?

Ich würde mich täuschen, wenn ich meinte, dies wäre leicht und ohne Mühen oder über Nacht zu erreichen, aber ich habe den Glauben, dass wir vorwärts schreiten und schneller wachsen können, als dies momentan der Fall ist. …

Ich glaube aber, wenn wir eines Sinnes, eines Herzens und eins in der Absicht sind, können wir vorwärts schreiten und unsere Einstellung ändern, die ja scheinbar lautet: ‚Wir sind ziemlich gut. Das reicht schon so.‘ “25

So begann ein bemerkenswertes Jahrzehnt des Wachstums und der Veränderung. Zwar stand zunächst einmal die Missionsarbeit im Mittelpunkt, aber schnell wurde den Mitgliedern klar, dass Präsident Kimball daran interessiert war, dass es in jedem Bereich dieses lobenswerten Werkes voranging.

Die Missionsarbeit

Präsident Kimball bemühte sich darum, dass in weiteren Ländern das Evangelium verkündet werden konnte. Wegen der Teilung in demokratische und sozialistische Länder während des so genannten Kalten Krieges konnte in vielen Ländern Europas und Asiens nicht missioniert werden. Wegen der Richtlinie der Kirche, was die Ordinierung zum Priestertum betraf, war die Missionsarbeit außerdem in Afrika, in Teilen Südamerikas und in der Karibik eingeschränkt. Präsident Kimball suchte nach jeder Möglichkeit, die Reichweite der Kirche geografisch auszudehnen.

Gleichzeitig betonte er, dass die Möglichkeiten, den Völkern das Evangelium zu bringen, auch von der Bereitschaft der Mitglieder abhingen, diese auch zu nutzen. Für die jungen Männer, die würdig und bestens vorbereitet waren, sollte der Missionsdienst nicht nur ein Angebot sein, sondern eine heilige Pflicht und eine Chance. Diese Verpflichtung ruhte auf den jungen Männern, und zwar unabhängig davon, wo sie wohnten. Junge Frauen konnten auch als Missionarinnen dienen, aber sie unterlagen nicht derselben Verpflichtung wie die jungen Männer. Außerdem wurden auch ältere Ehepaare ermutigt, eine Mission zu erfüllen. Als Präsident Spencer W. Kimball seinen Dienst als Präsident der Kirche antrat, dienten 17 000 Vollzeitmissionare weltweit. Als er zwölf Jahre später starb, war die Zahl auf fast 30 000 angewachsen. Die vermehrten Anstrengungen in der Missionsarbeit brachten beträchtliche Früchte: Die Zahl der Mitglieder stieg von 3,3 Millionen auf fast 6 Millionen.

Als Präsident Kimball 1975 zu einer Gruppe von jungen Mitgliedern sprach, sagte er: „Wisst ihr, was der Herr für euch junge Männer getan hat? Ihr seid beeindruckende junge Menschen. Ihr seht stark, gesund und glücklich aus. Wer hat euch die Gesundheit gegeben? Wer hat euch eure Augen gegeben? Wer hat euch eure Ohren gegeben? Wer hat euch eure Stimme gegeben? Habt ihr jemals darüber nachgedacht? Jemand muss euch mit diesen unbezahlbaren Besitztümern ausgestattet haben.“

Daraufhin erzählte er von seiner Kehlkopfoperation und wie er danach nur noch zum Teil seine Stimme hatte. Er sagte: „Ich will euch fragen, wer von euch bereit wäre, seine Stimme herzugeben. Habt ihr sie gekauft oder seid ihr für sie einen Handel eingegangen? Hat jemand sie euch geschenkt? Hat der Herr euch eine Stimme gegeben, damit ihr euch ausdrücken könnt? Warum geht ihr dann nicht hinaus in die Welt und berichtet von der wichtigsten Geschichte der Welt, warum erzählt ihr den Menschen nicht, dass die Wahrheit wiederhergestellt worden ist, dass der Herr stets Propheten auf Erden hat – von Adam bis heute, und dass ihr das heilige Priestertum tragt und es alle Tage eures Lebens groß machen werdet? Verkündet dies der Welt! Sie braucht es!

Und deswegen frage ich euch noch einmal: Wer hat euch eure Stimme gegeben? Warum? – Nur so, damit ihr singen oder reden oder mit anderen Menschen Spaß haben könnt? Oder hat er euch diese Stimme gegeben, damit ihr das Evangelium lehren könnt? …

Ja, ich denke, wir sollten lieber auf Mission gehen, nicht wahr? – Jeder würdige junge Mann.“26

Die Tempelarbeit

Unter Spencer W. Kimballs Leitung als Präsident der Kirche wurde der Tempelbau intensiviert. Zu Beginn seiner Amtszeit waren 15 Tempel in Betrieb; als er etwa zwölf Jahre später starb, gab es 36, also mehr als doppelt so viele. Präsident Gordon B. Hinckley hat als Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft bezeugt: „Dieser Ansporn zur Errichtung von Tempeln kam von Präsident Kimball, und zwar aufgrund einer Offenbarung vom Herrn, dessen Werk dies ja ist.“27

Präsident Kimball hat über die Tempelarbeit gesagt: „Der Tag kommt und er ist nicht mehr fern, da alle Tempel auf dieser Erde Tag und Nacht in Betrieb sein werden. … Es wird eine Reihe von Tempelarbeitern geben, die Tag und Nacht bis zur Erschöpfung arbeiten werden, weil die Arbeit so wichtig ist und es so viele Menschen gibt, die in der Ewigkeit schlummern und sich die Segnungen, die sie erhalten können, sehnlichst wünschen und sie auch brauchen.“28

Die Verwaltung der Kirche

1975 und 1976 ordnete Präsident Kimball eine Neuordnung und Erweiterung der Verwaltung der Kirche an, damit sie mit dem Wachstum der Kirche Schritt halten konnte. Da die Generalautoritäten besser eingeteilt werden und mehr Aufgaben erhalten sollten, wurde das Erste Kollegium der Siebziger neu organisiert. Im Oktober 1976 gehörten ihm 39 Brüder an. „Damit“, erklärte Präsident Kimball, „stehen die drei regierenden Kollegien der Kirche, wie sie in den Offenbarungen bestimmt sind – die Erste Präsidentschaft, das Kollegium der Zwölf und das Erste Kollegium der Siebziger – so an ihrer Stelle, wie der Herr es offenbart hat. Auf diese Weise können wir die gegenwärtige Arbeit bewältigen und uns auf eine weitere Beschleunigung und Ausdehnung des Werks vorbereiten und den Tag erwarten, an dem der Herr kommt, um seine Kirche und sein Reich zu leiten.“29 Diese Offenbarung des Herrn an seinen Propheten hat seither auch zu anderen Veränderungen in der Verwaltung der Kirche geführt, wie es eben „die Arbeit im Weingarten“ (LuB 107:96) erfordert.

Die heiligen Schriften

1976 gab Präsident Kimball die Anweisung, zwei Offenbarungen, eine an den Propheten Joseph Smith und eine an Präsident Joseph F. Smith, sollten den heiligen Schriften hinzugefügt werden (siehe LuB 137 und 138). Auf Weisung Präsident Kimballs wurde 1979 von der Kirche eine Ausgabe der King-James-Bibel veröffentlicht sowie 1981 eine neue Ausgabe der Dreifachkombination (Buch Mormon, Lehre und Bündnisse und Köstliche Perle). Elder Boyd K. Packer bezog sich auf die Veröffentlichung dieser Ausgaben der kanonisierten Werke, als er sagte: „Im Laufe der Zeit wird dieses Werk, aus der Sicht der Geschichte, als die Krönung der Amtstätigkeit Präsident Kimballs angesehen werden.“30

Unter der Amtsführung von Präsident Kimball wurden die heiligen Schriften auch die Grundlage für den Lehrplan in der Sonntagsschule.

Vereinfachung

Da die Kirche an Größe und Reichweite immer mehr zunahm, erkannten Präsident Kimball und andere Führer der Kirche, dass es notwendig war, die verschiedenen Programme zu vereinfachen, damit in einem neu gegründeten Zweig ebenso wie in einer bereits seit langem bestehenden Gemeinde das Wesentliche vermittelt werden konnte. Präsident Kimball hat gesagt:

„Die Kirche hat die Aufgabe, ihren Mitgliedern das Priestertum sowie die Grundsätze und Programme zu geben, durch die sie sich auf die Erhöhung vorbereiten können. Ob wir persönlich und als Kirche Erfolg haben, hängt weitgehend davon ab, wie treu wir in der Familie nach dem Evangelium leben. Erst wenn wir die Aufgabe jedes Einzelnen und die Rolle der Familie klar erfasst haben, wird uns richtig bewusst, dass die Priestertumskollegien und Hilfsorganisationen, ja, sogar die Pfähle und Gemeinden in erster Linie dazu da sind, den Mitgliedern zu helfen, zu Hause nach dem Evangelium zu leben. Dann sehen wir auch, dass der Mensch wichtiger ist als das Programm und dass die Programme der Kirche die Familien stets zu evangeliumsbezogenen Unternehmungen anregen sollen und sie nie davon abbringen dürfen. …

Unser Engagement dafür, dass die Mitglieder zu Hause nach dem Evangelium leben, muss in allen Programmen des Priestertums und der Hilfsorganisationen deutlich werden, auch wenn unter Umständen zusätzliche Unternehmungen eingeschränkt werden, die uns davon abhalten könnten, uns ausreichend der Familie zu widmen.“31

Eine wichtige Änderung während Präsident Kimballs Amtszeit war die Einführung des dreistündigen Kompaktversammlungsschemas am Sonntag. Dadurch wurden die einzelnen Versammlungen unter der Woche und am Sonntag zu einer vereinfachten und bequemeren Folge von Versammlungen am Sonntag zusammengelegt. Durch die Einführung dieses Kompaktprogramms im Jahr 1980 brauchten die Mitglieder nicht mehr so viel Zeit und Geld investieren, um sich an allen Programmen im Werk des Herrn beteiligen zu können.

Die Offenbarung über das Priestertum

Eine der bedeutsamsten Veränderungen, die während Spencer W. Kimballs Präsidentschaft erfolgte, war die Offenbarung über das Priestertum (siehe Amtliche Erklärung Nr. 2 im Buch Lehre und Bündnisse).

Am 1. Juni 1978 hatte sich Präsident Kimball mit Mitgliedern der Ersten Präsidentschaft und des Kollegiums der Zwölf Apostel im oberen Raum des Salt-Lake-Tempels versammelt. Präsident Gordon B. Hinckley, der als Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel damals anwesend war, berichtete später darüber:

„Die Frage, ob man die Segnungen des Priestertums auf die Menschen mit schwarzer Hautfarbe ausdehnen soll, hatte viele der führenden Brüder einige Jahre lang beschäftigt. Immer wieder hatten die Präsidenten der Kirche davon gesprochen. Für Präsident Spencer W. Kimball war es eine besonders wichtige Angelegenheit geworden.

Über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg hatte er über diese ernste und schwierige Frage gebetet. Viele Stunden war er in dem oberen Raum im Tempel allein, um zu beten und nachzusinnen.

Bei dieser Gelegenheit trug er diese Frage den führenden Brüdern vor, seinen Ratgebern und den Aposteln. Nach dieser Unterredung vereinten wir uns im Gebet bezüglich dieser hochheiligen Angelegenheit. Präsident Kimball selbst verlieh diesem Gebet seine Stimme. … Der Geist Gottes war anwesend, und durch die Macht des Heiligen Geistes erhielt der Prophet die Gewissheit, dass es richtig war, worum er betete, dass die Zeit gekommen war und dass nun die wunderbaren Segnungen des Priestertums allen würdigen Männern überall auf der Welt unabhängig von ihrer Abstammung zukommen sollten.

Jedem der Anwesenden wurde durch die Macht des Heiligen Geistes die gleiche Erkenntnis zuteil.

Es war ein ruhiges und erhabenes Ereignis. …

Keiner von uns, der damals mit dabei war, war danach derselbe wie zuvor. Auch die Kirche hatte sich verändert.“32

Die Offenbarung wurde in Form eines Schreibens mit Datum vom 8. Juni 1978 allen Generalautoritäten und den örtlichen Priestertumsführern der Kirche verkündet: „Jeder glaubenstreue, würdige Mann in der Kirche [darf] das heilige Priestertum, samt der Macht, dessen göttliche Vollmacht auszuüben, empfangen und sich mit seiner Familie sämtlicher Segnungen erfreuen …, die sich daraus ergeben, einschließlich der Segnungen des Tempels.“ (LuB, Amtliche Erklärung Nr. 2.)

Präsident Hinckley sagte dazu: „Der Brief wurde der Kirche und der Welt kundgetan. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welch großartige Wirkung dies sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche hatte. Viele Tränen wurden vergossen – Tränen der Dankbarkeit, und zwar nicht nur von denjenigen, denen früher das Priestertum verwehrt worden war und die nun unmittelbar Nutznießer dieser Ankündigung waren, sondern auch von Männern und Frauen in der Kirche überall auf der Welt, die in dieser Sache genau das Gleiche wie wir empfunden hatten.“33

Etwa drei Monate danach sagte Präsident Kimball in Bezug auf die Offenbarung: „Gestern sagte einer der Brüder, dass nun eine der größten Veränderungen erfolgt ist, eine der größten Segnungen gewährt wurde, die es je gab. … Von einigen abgesehen, die immer das Gegenteil wollen, haben die Menschen in aller Welt diese Änderung dankbar angenommen. Deswegen sind wir darüber sehr, sehr glücklich; insbesondere freuen wir uns für diejenigen, die bisher nicht in den Genuss dieser Segnungen gekommen sind.“34

Liebe zu den Menschen und zum Werk des Herrn

Elder Neal A. Maxwell vom Kollegium der Zwölf Apostel hat über Präsident Kimball gesagt: „Das geistliche Wirken dieses Mannes war von Wärme durchdrungen. Sein liebevoller und doch durchdringender Blick, seine Umarmung, sein heiliger Kuss, seine Empfindsamkeit, die so viele erlebten – das alles schuf eine würdige Aura um diesen Mann, keine Unnahbarkeit, sondern eine ganz besondere Wärme. Seine Liebe schloss alle ein; niemand fühlte sich ausgeschlossen. Jeder von uns konnte annehmen, er sei Präsident Kimballs Lieblingsgeneralautorität, denn er hatte uns alle so lieb! Wie hätte jemand etwas anderes denken können?“35

Präsident Kimball sagte den Mitgliedern: „Ich wünsche mir, als jemand bekannt zu sein, der seine Brüder und Schwestern lieb hat.“36 Die Heiligen der Letzten Tage hatten ihn lieb und zeigten ihm diese Liebe auch. Dafür war er dankbar. Er sagte: „Wenn mir jemand sagt, dass er mich lieb hat, sage ich immer: ‚Fein, das ist wirklich schön, denn davon lebe ich.‘ Und ich meine das tatsächlich so.“37

Auf seine liebevolle und doch entschiedene Art ermahnte Präsident Kimball die Heiligen der Letzten Tage, sich im Dienst für den Herrn noch mehr anzustrengen und Selbstzufriedenheit, Sünde und Probleme zu überwinden, die sie davon abhalten, vorwärts zu gehen. Sein eigenes Leben war ein Beispiel dafür, wie man im Dienst des Herrn vorwärts geht, ganz gleich, welche Hindernisse im Weg stehen.

Elder Robert D. Hales hat, als er dem Ersten Kollegium der Siebziger angehörte, über Präsident Kimball gesagt: „Er ist ein Mann der Tat, wie das einfache Schild ‚Tu es!‘ auf seinem Schreibtisch zeigt. … Sein Beispiel und seine Liebe sind all denen ein Ansporn, die sich wie er höheren Zielen verschreiben und größere Schritte machen, um vollkommen zu werden.“38

Bei einer Ansprache zur Generalkonferenz im Herbst 1979 erzählte Präsident Kimball die Geschichte von Kaleb aus dem Alten Testament, der beim Einzug ins verheißene Land mit Schwierigkeiten konfrontiert war und sagte: „Gib mir … dieses Bergland.“ (Josua 14:12.) Präsident Kimball bezog sich auf diese Worte, als er sagte:

„Genau das empfinde auch ich im Augenblick für das Werk des Herrn. Vor uns liegen gewaltige Aufgaben; ungeheure Möglichkeiten warten auf uns. Ich begrüße diese erhebenden Aussichten und möchte dem Herrn demütig sagen: ‚Gib mir dieses Bergland‘, gib mir diese Herausforderungen.

Demütig gelobe ich dem Herrn und Ihnen, meinen lieben Brüdern und Schwestern, meinen Mitstreitern im heiligen Werk Christi: Ich werde vorwärts streben, im Glauben an den Gott Israels und in dem Bewusstsein, dass er uns führen und leiten wird, bis wir schließlich seine Absichten erfüllt haben und in dem uns verheißenen Land und bei den uns verheißenen Segnungen ankommen. …

Aufrichtig und aus tiefstem Herzen fordere ich Sie auf: Nehmen sie das gleiche Gelöbnis und die gleiche Anstrengung auf sich – jeder Priestertumsführer, jede Frau in Israel, jeder Junge Mann, jede Junge Dame, jeder Junge und jedes Mädchen.“39

Am 5. November 1985 starb Spencer W. Kimball, nachdem er fast 12 Jahre lang Präsident der Kirche gewesen war. Präsident Kimballs Ratgeber, Präsident Gordon B. Hinckley, sagte damals: „Ich hatte die große Freude und genoss den Vorzug, Seite an Seite mit Präsident Kimball im Werk des Herrn zu arbeiten. Einmal versuchte ich, ihn ein bisschen zu bremsen; da sagte er: ‚Gordon, mein Leben gleicht meinen Schuhen – es muss im Dienst abgetragen werden.‘ So lebte er. Und so starb er auch. Er ist nun zu dem eingegangen, dessen Diener er war, nämlich zum Herrn Jesus Christus, von dem er Zeugnis gegeben hat.“40

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Anmerkungen

  1. Siehe Edward L. Kimball und Andrew E. Kimball Jr., Spencer W. Kimball, 1977, Seite 196

  2. Boyd K. Packer, „President Spencer W. Kimball: No Ordinary Man“, Ensign, März 1974, Seite 3

  3. Spencer W. Kimball, Seite 12

  4. „The False Gods We Worship“, Ensign, Juni 1976, Seite 3

  5. „Friend to Friend“, Friend, Januar 1971, Seite 34

  6. „He Did It with All His Heart, and Prospered“, Ensign, März 1981, Seite 4

  7. Conference Report, April 1979, Seite 140

  8. Spencer W. Kimball, Seite 23

  9. Conference Report, April 1979, Seite 140

  10. Spencer W. Kimball, Seite 46

  11. Spencer W. Kimball, Seite 57

  12. Edward L. Kimball und Andrew E. Kimball Jr., The Story of Spencer W. Kimball: A Short Man, a Long Stride, 1985, Seite 16f.

  13. Spencer W. Kimball, Seite 56

  14. Spencer W. Kimball, Seite 376

  15. Spencer W. Kimball, Seite 79f.

  16. Edward L. Kimball, in Gerry Avant, „As Father, Prophet Made Time Count“, Church News, 11. Juni 1977, Seite 5

  17. Spencer W. Kimball, Seite 171

  18. Spencer W. Kimball, Seite 189

  19. Spencer W. Kimball, Seite 195

  20. Ensign, März 1974, Seite 4

  21. Ensign, März 1974, Seite 4

  22. „Spencer W. Kimball: Man of Faith“, Ensign, Dezember 1985, Seite 40

  23. „When the World Will Be Converted“, Ensign, Oktober 1974, Seite 3

  24. Conference Report, Oktober 1977, Seite 38

  25. Ensign, Oktober 1974, Seite 5, 13f.; Hervorhebung hinzugefügt

  26. Bericht von der Gebietskonferenz in Buenos Aires, Argentinien, 1975, Seite 43f.

  27. Siehe Der Stern, 1986, Nummer 2, Seite 48

  28. Ansprache bei einem Bankett anlässlich eines Priestertums-Genealogieseminars am 4. August 1977, Archiv der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Seite 4f.

  29. Conference Report, Oktober 1976, Seite 10

  30. Conference Report, Oktober 1982, Seite 75

  31. „Living the Gospel in the Home“, Ensign, Mai 1978, Seite 101

  32. „Priesthood Restoration“, Ensign, Oktober 1988, Seite 70

  33. Ensign, Oktober 1988, Seite 70

  34. The Teachings of Spencer W. Kimball, Hg. Edward L. Kimball, 1982, Seite 451

  35. „Spencer, the Beloved: Leader-Servant“, Ensign, Dezember 1985, Seite 12f.

  36. Conference Report, Oktober 1980, Seite 111

  37. In „ ‚News‘ Interviews Prophet“, Church News, 6. Januar 1979, Seite 19

  38. Conference Report, Oktober 1981, Seite 27f.

  39. Conference Report, Oktober 1979, Seite 115f.

  40. „He Is at Peace“, Ensign, Dezember 1985, Seite 41