Eine zweite Ernte


Bischof Gérald Caussé
Erster Ratgeber in der Präsidierenden Bischofschaft

 

Bischof Gérald Caussé

Die Geschichte der Pioniere der wiederhergestellten Kirche hat mich schon immer fasziniert. Sie haben den Mitgliedern mit den Werken ihres Glaubens und ihrem Mut ein herrliches und unschätzbares Erbe hinterlassen.

Europa spielt in dieser Heldengeschichte eine bedeutende Rolle. Der europäische Kontinent war wie ein Feld, das zur Ernte bereit ist. Hier empfingen tausende dieser Pioniere das Evangelium und nahmen es an, bevor sie sich nach Amerika einschifften – dem Land, das der Prophet Joseph Smith als Sammelplatz bestimmt hatte.

In den letzten Jahren durfte ich mir einige der Orte, aus denen diese ersten Neubekehrten kamen, anschauen. Ich machte in Preston in England Halt und sah mir den ruhig dahinfließenden Ribble an, in dem vor gerade einmal 175 Jahren die ersten Taufen in Europa stattfanden. Am Kai in Kopenhagen bewunderte ich die Statue der Kristina, die, den Blick aufs offene Meer gerichtet, ein Symbol für die Hoffnung tausender Skandinavier ist, die sich auf den Weg nach Zion machten.

In vielen Ländern, die erst seit kurzem für das Evangelium zugänglich sind, kommt man ganz leicht mit den ersten Neubekehrten selbst in Berührung. Viele sind noch immer da. Sie sind aktiv, glücklich und stolz auf ihre Vergangenheit. Sie können einem beschreiben, mit welchem Feuereifer man in den ersten Jahren noch anonym Versammlungen in einem Keller, einem Kinosaal oder im Hinterzimmer eines Restaurants abhielt. Viele wissen noch, wie die ersten Gemeindehäuser gebaut wurden, oder erinnern sich an die endlose Fahrt zum Tempel in der Schweiz. In den Ostblockstaaten erzählen einem die dortigen Pioniere von den entbehrungsreichen Jahren hinter dem Eisernen Vorhang und welch ein Wunder es war, als man in diesen Ländern 1989 die Missionsarbeit aufnahm.

Diese Geschichte ist noch nicht abgeschlossen. Sie geht vor unseren Augen weiter. Prophezeiungen gehen in Erfüllung. Der Herr steht am Ruder und nichts kann die Vollendung seines Werks aufhalten. Heute wie damals wird das Wachstum der Kirche von Werken des Glaubens und von Wundern begleitet.

Seit mehreren Jahren schon gibt es eine ehrgeizige und optimistische Vision der Gebietspräsidentschaft, was das Wachstum der Kirche in Europa betrifft. Als Kinder Europas haben wir gesehen, wie die Kirche Fuß fasst, heranwächst und reift. Unser Zeugnis von den Wundern in der Vergangenheit nährt unseren Glauben in die Zukunft.

Wir spüren, dass ein neuer Geist über unserem Kontinent schwebt. Die Zahl der Taufen nimmt fortwährend zu. Viel mehr junge Leute gehen auf Mission. Immer mehr Leute besuchen Versammlungen oder fahren zum Tempel. Eine neue, überreiche Ernte ist in Vorbereitung.

Vor einigen Jahren sprach Gordon B. Hinckley, damals noch Elder, zu zwei Missionaren in Schweden. Er nahm ein Glas Wasser zur Hand und sagte: „Schweden ist viele Jahre lang wie dieses Glas Wasser gewesen – es tat sich kaum etwas. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Missionare nach Schweden kamen, schlossen sich Tausende der Kirche an. Es war eine große und mächtige Ernte. Wenn Sie nach Hause gehen, möchte ich, dass sie den Mitgliedern sagen, dass es in Schweden eine neue Ernte, eine zweite Ernte geben wird, die tausende Schweden in die Kirche führen wird.“1

Die zweite Ernte ist größer, wird größer sein als die erste. Europa ist ein Knotenpunkt und ein Sammelplatz für Menschen aus aller Welt geworden. Man muss nur durch die Straßen unserer Großstädte wandern, um das zu erkennen.

Jesus hat seinen Jüngern gesagt, dass „dieses Evangelium vom Reich … auf der ganzen Welt verkündet werden [wird], damit alle Völker es hören“2. Diese Prophezeiung erfüllt sich mit jedem neuen Land, zu dem die Missionare Zutritt erhalten, aber auch mit der Bekehrung tausender Menschen auf unserem Kontinent, die aus allen Völkern der Erde zu uns gekommen sind. Wenn diese Menschen, deren Sprache und Kultur anders sind als unsere, in der Kirche herzlich aufgenommen werden, sind sie ein Segen für unsere Gemeinden und Zweige.

Die Mitglieder in Europa spielen bei der jetzigen, zweiten Ernte eine historische Rolle, so wie es in der Anfangszeit der Wiederherstellung war. Ich bete dafür, dass diese herrliche Vision uns alle motiviert und dass wir mit vereinten Kräften an ihrer Verwirklichung arbeiten.

 

1. Ensign, Juli 2000
2. Matthäus 24:14