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"Wunschkonzert" für einsame und betagte Menschen

von Gustl Thalhammer, Pfahl Salzburg

 

Bruder Thalhammer setzt sein musikalisches Talent im Dienst an seinen Mitmenschen ein

Singen war schon in meiner Kindheit ein wichtiges Thema für mich. Als ich etwa zehn Jahre alt war, kam ein Professor vom Salzburger Rundfunk zu uns in die Schule, um sich den Musikunterricht in den einzelnen Klassen anzuhören. Kurz darauf erhielten meine Eltern einen Brief, in dem ihr Sohn (das war ich) zum Singen im „Salzburger Rundfunk Kinderchor“ eingeladen wurde. So sang ich dort bis zu meinem Stimmbruch. Wir machten viele Tonaufnahmen, sangen im Salzburger Mozarteum und auch zu anderen Anlässen – es war eine schöne Zeit.

 

Die Jahre vergingen, ich lernte meine Frau kennen – und zehn Jahre später die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die Lieder, die man dort sang, berührten mich so stark, dass ich immer sagte: „Das habe ich schon irgendwo gehört!“ Diese wunderschönen Kirchenlieder machten mich wieder zum „Sänger“. Als meine Mutter nach einem schweren Unfall starb, erinnerte ich mich daran, wie sehr sie es immer geliebt hatte, wenn ich als Kind für sie gesungen hatte. So sang ich an ihrem Begräbnis in der katholischen Kirche unsere Kirchenlieder. Einige Familienangehörige kamen danach zu mir und sagten: „Gustl, wenn ich sterbe, musst du auch singen!“ Das habe ich nun schon viele Male getan. Da alle meine Verwandten keine Mitglieder der Kirche sind, singe ich immer in deren Kirchen – und zwar unsere Kirchenlieder.

 

„ … ein tiefes Gefühl sagte in mir – dein Talent, dein Gesang könnte doch vielleicht andere Menschen erfreuen.“

 

Vor elf Jahren verstarb plötzlich eines unserer Enkelkinder kurz vor seinem zweiten Geburtstag. Der kleine Jakob hatte immer gern mit mir zusammen gesungen und meinen Liedern gelauscht. So sang ich auch bei diesem Begräbnis. Anschließend wollte ich eigentlich nicht mehr singen. Und so vergingen einige Monate. Eines Tages luden mich Freunde, die selbst Harfe spielten, ein, mit ihnen in einem Seniorenwohnheim zu musizieren. Zuerst lehnte ich ab, doch ein tiefes Gefühl sagte in mir – dein Talent, dein Gesang könnte doch vielleicht andere Menschen erfreuen. So begann ich mit Unterstützung meiner Freunde für diese lieben alten Heimbewohner zu singen. Es sind besondere Menschen, einige – viel zu viele – sind von ihren Angehörigen total vergessen. Besondere Schicksale begleiten sie, einige können ihr Bett nicht mehr verlassen, manche haben keine Füße mehr oder tragen andere schwere körperliche Leiden. Für einen Teil dieser Menschen – das sind auch unsere Brüder und Schwestern – nehme ich mir einige Stunden in der Woche Zeit, um ihren oft sehr trostlosen Alltag zu verschönern.

 

Mittlerweile habe ich auch gelernt, Gitarre zu spielen und kann auf ein buntes Repertoire an Oldies, Volksliedern, Schlagern (die mir gefallen) und Operettenarien zurückgreifen. Ich singe und spiele stets, was gewünscht wird – sozusagen jedermanns „Wunschkonzert“. Einmal geschah während des Konzertes etwas ganz Besonderes. Eine Physiotherapeutin war mit einer Patientin gekommen, die aufgehört hatte zu sprechen. Die Frau stammte aus Schlesien. Nachdem sie einigen Liedern aus ihrer Heimat gelauscht hatte, begann sie plötzlich mitzusingen. Die Therapeutin war ganz erstaunt, was die Musik hier „Wunderbares erreicht“ hatte. In einem anderen Seniorenheim bat mich eine Frau, ob ich auch in den verschiedenen Stockwerken auf dem Gang singen könnte, damit diejenigen, die nicht mehr aus den Betten konnten, ebenfalls etwas zu hören bekämen. Gern war ich einverstanden. Bei meinem nächsten Besuch in diesem Heim waren – zu meiner Überraschung - viele Betten auf den Gang gestellt.

 

"Besonders gern musiziere ich in der Pflegeabteilung, die Menschen dort haben sehr, sehr, wenig Besuch, und sind sehr froh, wenn jemand kommt."

 

Besonders gern musiziere ich in der Pflegeabteilung, die Menschen dort haben sehr, sehr, wenig Besuch, und sind sehr froh, wenn jemand kommt. Momentan besuche ich mit meinem wöchentlichen “Wunschkonzert“ mehr als 13 Seniorenheime. Immer wieder kommt es vor, dass mich Heimbewohner darum bitten, bei ihrem Begräbnis zu singen. Wir stellen dann gemeinsam ein Programm zusammen, zu dem immer auch Kirchenlieder gehören. Man bittet mich, zu den verschiedensten Anlässen zu singen – es ist schon vorgekommen, dass ich vormittags bei einem Begräbnis, nachmittags bei einer Goldenen Hochzeit und den Tag darauf bei einer katholischen Taufe auftrat. Dadurch, dass die Lieder unserer Kirche ein Teil meines Repertoires sind, kommt es oft vor, dass die Anwesenden den heiligen Geist verspüren. Das macht mich glücklich und bewirkt immer wieder kleine Wunder.