Der zweite Brief Mormons an seinen Sohn Moroni
Das 9. Kapitel umfassend

9. KAPITEL

Sowohl die Nephiten als auch die Lamaniten sind verworfen und verderbt—Sie foltern und morden einander—Mormon betet dafür, daß Gnade und Güte immerdar mit Moroni verbleiben mögen. Um 401–421 n. Chr.

  Mein geliebter Sohn, ich schreibe dir abermals, damit du weißt, daß ich noch lebe; aber ich schreibe einiges über das, was schmerzlich ist.

  Denn siehe, ich habe einen schweren Kampf mit den Lamaniten gehabt, bei dem wir nicht gesiegt haben; und Archeantus ist durch das Schwert gefallen und auch Luram und Emron; ja, und wir haben eine große Anzahl unserer erwählten Männer verloren.

  Und nun siehe, mein Sohn, ich fürchte, die Lamaniten werden dieses Volk vernichten; denn sie kehren nicht um, und der Satan stachelt sie beständig zum Zorn gegeneinander auf.

  Siehe, ich arbeite beständig mit ihnen; und wenn ich das Wort Gottes voll aDeutlichkeit spreche, dann zittern sie und sind zornig auf mich; wenn ich es aber nicht mit Deutlichkeit tue, dann verhärten sie ihr Herz dagegen; darum fürchte ich, der Geist des Herrn hat aufgehört, sich mit ihnen babzumühen.

  Denn so überaus zornig sind sie, daß es mir scheint, als hätten sie keine Furcht vor dem Tod; und sie haben ihre Liebe füreinander verloren; und sie adürsten beständig nach Blut und Rache.

  Und nun, mein geliebter Sohn, laß uns ungeachtet ihrer Verstocktheit aeifrig arbeiten; denn wenn wir aufhören zu barbeiten, setzen wir uns der Schuldigsprechung aus; denn wir haben eine Arbeit zu verrichten, solange wir in dieser irdischen Hülle weilen, damit wir den Feind aller Rechtschaffenheit besiegen und unsere Seele im Reich Gottes ausruhen kann.

  Und nun schreibe ich einiges über die Leiden dieses Volkes. Denn gemäß der Kenntnis, die ich von Amoron empfangen habe, siehe, da haben die Lamaniten viele Gefangene, die sie vom Turm von Scherriza genommen haben; und es waren Männer, Frauen und Kinder.

  Und die Männer und Väter dieser Frauen und Kinder haben sie getötet; und sie geben den Frauen das Fleisch ihrer Männer zu essen und den Kindern das Fleisch ihrer Väter; und Wasser geben sie ihnen keines, außer ganz wenig.

  Und ungeachtet dieses großen Greuels der Lamaniten übertrifft er doch nicht denjenigen unseres Volkes in Moriantum. Denn siehe, viele der Töchter der Lamaniten haben sie gefangengenommen; und nachdem sie sie dessen beraubt haben, was vor allem anderen höchst teuer und kostbar ist, nämlich aKeuschheit und bTugend

 10  und nachdem sie das getan haben, haben sie sie auf höchst grausame Weise gemordet, denn sie haben ihren Leib zu Tode gefoltert; und nachdem sie das getan haben, verschlingen sie ihr Fleisch wie wilde Tiere, wegen ihrer Herzenshärte, und sie tun dies als Zeichen des Mutes.

 11  O mein geliebter Sohn, wie kann ein solches Volk, das ohne jede Gesittung ist—

 12  (und nur ein paar Jahre sind vergangen, seit sie ein gesittetes und ein angenehmes Volk waren),

 13  doch, o mein Sohn, wie kann ein solches Volk, das an soviel Greuel Freude hat—

 14  wie können wir erwarten, daß Gott aseine Hand im Gericht gegen uns zurückhalten wird?

 15  Siehe, mein Herz schreit: Weh diesem Volk! Tritt hervor in Rechtsprechung, o Gott, und verbirg ihre Sünden und Schlechtigkeit und Greuel vor deinem Angesicht!

 16  Und weiter, mein Sohn, es gibt viele aWitwen und ihre Töchter, die in Scherriza geblieben sind; und jener Teil der Vorräte, den die Lamaniten nicht weggeführt haben, siehe, den hat das Heer Zenephis weggeführt und überläßt es ihnen, umherzustreifen, wohin auch immer sie können, um Nahrung zu suchen; und viele alte Frauen werden unterwegs schwach und sterben.

 17  Und das Heer, das bei mir ist, ist schwach; und die Heere der Lamaniten stehen zwischen Scherriza und mir; und alle, die zum Heer aAarons geflohen sind, die sind ihrer furchtbaren Roheit zum Opfer gefallen.

 18  O welche Verworfenheit meines Volkes! Sie sind ohne Ordnung und ohne Barmherzigkeit. Siehe, ich bin nur ein Mensch, und ich habe nur die Stärke eines Menschen, und ich kann meine Befehle nicht länger durchsetzen.

 19  Und sie sind in ihrer Verderbtheit stark geworden; und sie sind alle gleichermaßen roh und verschonen niemand, weder alt noch jung; und sie freuen sich an allem, außer an dem, was gut ist; und das Leiden unserer Frauen und unserer Kinder auf dem ganzen Antlitz dieses Landes übersteigt alles; ja, die Zunge kann es nicht sagen, es läßt sich auch nicht niederschreiben.

 20  Und nun, mein Sohn, verweile ich nicht länger bei diesem schrecklichen Bild. Siehe, du kennst die Schlechtigkeit dieses Volkes; du weißt, daß sie ohne Grundsatz sind und kein Gefühl mehr haben; und aihre Schlechtigkeit übersteigt die der Lamaniten.

 21  Siehe, mein Sohn, ich kann sie Gott nicht anempfehlen, weil er mich sonst schlägt.

 22  Aber siehe, mein Sohn, ich anempfehle dich Gott, und ich vertraue auf Christus, daß du errettet werden wirst; und ich bete zu Gott, er möge dein Leben aschonen, damit du Zeuge der Rückkehr seines Volkes zu ihm bist oder aber ihrer völligen Vernichtung; denn ich weiß, sie müssen zugrunde gehen, wenn sie nicht bumkehren und zu ihm zurückkehren.

 23  Und wenn sie zugrunde gehen, wird es wie bei den Jarediten sein—wegen des Eigensinns ihres Herzens und weil sie nach aBlut und bRache trachten.

 24  Und wenn es so ist, daß sie zugrunde gehen, wissen wir, daß viele unserer Brüder zu den Lamaniten aübergelaufen sind, und viele weitere werden noch zu ihnen überlaufen; darum schreibe einiges weniges nieder, falls du verschont bleibst und ich zugrunde gehe und dich nicht sehe; aber ich vertraue darauf, daß ich dich bald sehe; denn ich habe heilige Aufzeichnungen, die ich bdir übergeben möchte.

 25  Mein Sohn, sei in Christus treu; und möge das, was ich geschrieben habe, dich nicht so bekümmern, daß es dich zu Tode bedrückt; sondern möge Christus dich erheben, und mögen seine aLeiden und sein Tod und daß er unseren Vätern seinen Leib gezeigt hat, und seine Barmherzigkeit und Langmut und die Hoffnung auf seine Herrlichkeit und auf bewiges Leben immerdar in deinem cSinn verbleiben.

 26  Und möge die Gnade Gottes, des Vaters, dessen Thron hoch in den Himmeln ist, und unseres Herrn Jesus Christus, der zur arechten Hand seiner Macht sitzt, bis ihm alles unterworfen ist, immerdar mit dir sein und verbleiben. Amen.