Joseph Smith und das Buch Offenbarung
    Fußnoten

    Joseph Smith und das Buch Offenbarung

    Der Prophet Joseph Smith hat mitgeholfen, einige der Geheimnisse zu lüften, die sich um das Buch Offenbarung ranken, und hat gezeigt, wie bedeutsam es auch heute noch ist.

    Foto von Christina Smith; Johannes auf Patmos, Gemälde von Mark Steiner © Providence Collection

    Das Buch Offenbarung wurde bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. verfasst, ist aber als letztes Buch des Neuen Testaments kanonisiert – also offiziell als heilige Schrift anerkannt – worden. Einige christliche Gelehrte späterer Jahrhunderte haben seine Urheberschaft in Frage gestellt. Manche seiner Inhalte lehnten sie ab, wie etwa die Aussagen über das Millennium oder darüber, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerichtet wird. Zudem meinten sie, die Anspielungen auf das Alte Testament und die geschilderten Visionen seien zu eigenartig und würden sich zu sehr von anderen Schriften des Neuen Testaments unterscheiden.

    Aber unwiderlegbare Tatsachen führten dann doch dazu, dass das Buch allgemein angenommen wurde. Beispielsweise wird das Buch Offenbarung schon von einigen der frühchristlichen Autoren erwähnt. Sie schreiben es dem Apostel Johannes zu und erkennen es an, indem sie ausführlich daraus zitieren. Für etliche andere Bücher, deren Zugehörigkeit zur Bibel unstrittig war, existieren keine solchen Belege.

    Im frühen 19. Jahrhundert – zu der Zeit, als Gott Joseph Smith als Propheten der Wiederherstellung berief – war das Buch Offenbarung in allen gängigen Bibelübersetzungen enthalten und wurde vielfach gelesen. Die Offenbarung des Johannes regte durch seine Bildsprache die Fantasie der Menschen an und gab Raum für unterschiedlichste Auslegungen. So ist es auch heute noch.

    Als Prophet der Evangeliumszeit der Fülle war Joseph Smith in der Lage, Licht ins Buch Offenbarung zu bringen und es damit weniger abschreckend und leichter verständlich zu machen. Er tat dies in mindestens zweierlei Hinsicht: Erstens erläuterte er bestimmte Teile des Buches Offenbarung und ging auf die Zusammenhänge ein. Zweitens wurde es von ihm entmystifiziert.

    Erläuterungen und Zusammenhänge

    Das beste Beispiel für Erläuterungen von Joseph Smith zum Buch Offenbarung findet sich in Lehre und Bündnisse 77. Diese Offenbarung wurde im März 1832 empfangen und besteht aus Fragen und Antworten zu bestimmten Versen in Kapitel 4 bis 11 des Buches Offenbarung. Der Prophet berichtet, diese Erklärungen seien ihm offenbart worden, als er an seiner inspirierten Übersetzung der Bibel arbeitete (siehe LuB 77, Einleitung).

    Im Wesentlichen wird ziemlich schnörkellos gefragt: „Was bedeutet das?“ oder „Wann wird das geschehen?“ Die Antworten sind ebenso direkt, wenngleich nicht immer sehr ausführlich. Mit den Antworten, die der Prophet Joseph Smith suchte und erhielt, lassen sich allerlei Auslegungen spekulativer Art ausschließen. Insgesamt lassen sie uns erkennen, wie die Offenbarung des Johannes mit dem Werk der Letzten Tage zusammenhängt.

    So erfahren wir beispielsweise, was es mit den sieben Siegeln auf sich hat, die Johannes ab Kapitel fünf beschreibt. Sie stehen für sieben wichtige Zeitabschnitte der Weltgeschichte, wobei die letzten zwei sich auf die Jetztzeit und die Zukunft beziehen (siehe LuB 77:6,7). Dies erklärt, warum die Offenbarung des Johannes viel umfassender auf das sechste und siebte Siegel eingeht. Joseph Smiths Offenbarung erläutert weiter, in welcher Beziehung einige der Schlüsselfiguren im sechsten Siegel (die vier Engel und die 144.000 Knechte aus den Stämmen Israels, denen das Siegel aufgedrückt wird) zum Werk der Wiederherstellung und zur Sammlung in den Letzten Tagen stehen (siehe LuB 77:9-11).

    Diese Erläuterung war natürlich nicht der einzige Beitrag zu unserem Verständnis des Buches Offenbarung, den Joseph Smith durch seine Bibelübersetzung geleistet hat. Im Zuge dieser Arbeit wurde er manchmal einfach nur angeregt, den Text klarer wiederzugeben;1 oftmals wurde er jedoch auch dazu inspiriert, dem Text etwas hinzuzufügen oder ihn dahingehend zu überarbeiten, dass auf andere Schriftstellen verwiesen wurde, die sich gegenseitig untermauern.2 Demnach lag Joseph Smith mit seiner Arbeit an der Bibelübersetzung wohl auch viel daran, diese Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Büchern der Schrift herauszuarbeiten und aufzuzeigen, dass alle Lehren und Prophezeiungen ein großes Ganzes bilden. Das Buch Offenbarung bildet hierbei keine Ausnahme.

    Ausschnitt aus dem Gemälde Die Offenbarung des Johannes von Paul Mann; Ausschnitt aus dem Gemälde Christus im Kornfeld von Thomas Francis Dicksee

    Darüber hinaus zeigte er durch weitere Offenbarungen und Übersetzungen, wie das Buch Offenbarung mit anderen Schriften zusammenhängt und sich so nahtlos in eine Abfolge umfassender Visionen einfügt, die verschiedenen Propheten im Laufe der Jahrhunderte zuteilgeworden waren. Aus dem Buch Mormon und der Köstlichen Perle erfahren wir, dass Nephi, Jareds Bruder, Mose und Henoch ähnliche Visionen hatten, die den Verlauf der Menschheitsgeschichte und auch das Ende der Welt beschreiben. Wir erfahren außerdem, dass diesen anderen Propheten zwar das Ende der Welt gezeigt worden war, sie es der Welt jedoch nicht kundtun durften, da Johannes derjenige war, der dazu vorherordiniert war, es niederzuschreiben (siehe 1 Nephi 14:25,26). Das Buch Mormon, das der Prophet Joseph Smith hervorgebracht hat, macht also deutlich, dass Johannesʼ Beschreibung der Ereignisse, die dem Zweiten Kommen Jesu Christi vorausgehen, für uns bestimmt ist und es sich lohnt, sich eingehend damit zu befassen.

    Das durch Joseph Smith offenbarte zusätzliche Licht erhellt die zentrale Thematik des Buches Offenbarung: „Gott wird auf dieser Erde letztendlich über den Teufel siegen, es wird ein dauerhafter Sieg des Guten über das Böse sein, der Heiligen über die, die sie verfolgen, des Reiches Gottes über die Reiche der Menschen und des Satans. … Der Sieg wird durch Jesus Christus errungen werden.“3 Ergänzend betont Joseph Smith, dass die Botschaft des Buches Offenbarung Jesus Christus in den Mittelpunkt unserer Hoffnung stellt. Wenn wir ihm und seinem Werk in den Letzten Tagen treu sind, können wir die Welt überwinden.

    Entmystifizierung

    Bei einer Konferenz der Kirche am 8. April 1843 sagte der Prophet Joseph Smith: „Das Buch Offenbarung ist eines der klarsten Bücher, die Gott jemals hat schreiben lassen.“4 Diese Aussage hat seine Zuhörer wohl erschüttert, da ihre eigene Wahrnehmung eine ganz andere war. Was meinte der Prophet also damit?

    Zweifelsohne hatte Joseph Smith einige der Rätsel des Buches Offenbarung gelöst, doch mit seinen Worten bezweckte er offenbar zusätzlich, es zu entmystifizieren. Er tat dies, indem er aufzeigte, dass eine geheimnisvolle Bildsprache nicht immer so geheimnisvoll ist, wie man auf den ersten Blick meint. Nur weil in einer Schriftstelle schwer zu durchschauende Symbolik verwendet wird, kommt ihr damit nicht unbedingt größere Bedeutung für uns zu.

    An einer anderen Stelle seiner Rede zeigt Joseph Smith etwa, dass mögliche Auslegungen eingeschränkt werden, wenn man das Buch Offenbarung nur sorgfältig liest. So stellt er klar, dass sich die ersten drei Kapitel des Buches mit der Zeit befassen, in der Johannes lebte, und von dem handeln, „was bald geschehen muss“ (Offenbarung 1:1). Der Rest des Buches bezieht sich auf das, „was dann geschehen muss“ (Offenbarung 4:1), mithin auf die Zeit nach Johannes.5 Es wird also der Zeitrahmen eingeschränkt, auf den sich die Bilder in den jeweiligen Abschnitten des Buches beziehen, was sie etwas weniger geheimnisumwittert erscheinen lässt.

    Zudem sagt Joseph Smith, dass zuweilen ein Lebewesen eben einfach nur ein Lebewesen ist. Er erklärt, als Johannes erwähnte, im Himmel Lebewesen gesehen zu haben (siehe Offenbarung 4:6), habe er tatsächlich … Lebewesen gesehen. So veranschaulicht der Prophet, dass zumindest einige der Beschreibungen des Johannes im Buch Offenbarung wörtlich zu nehmen sind, während andere im übertragenen Sinn zu verstehen sind.6 Er stellt auch eine Regel auf, nach der sich Formen oder Gestalten wie diese interpretieren lassen:

    „Immer wenn Gott eine Vision einer Gestalt oder eines Tieres oder irgendeiner Form zeigt, so lässt er es sich stets angelegen sein, eine Offenbarung oder Auslegung davon zu erteilen, was das alles bedeuten soll; andernfalls könnten wir ja nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass wir daran glauben. Man braucht nicht befürchten, verdammt zu werden, weil man die Bedeutung einer Vision oder Gestalt nicht weiß, wenn Gott dazu keine Offenbarung oder Auslegung erteilt hat.“7

    Beim Studium der Schriften geht es nicht in erster Linie darum, jede Einzelheit einer geheimnisvollen Vision auslegen zu können. Die Geheimnisse der Bildsprache eines Propheten sind nicht gleichzusetzen mit den Geheimnissen Gottes, die er demjenigen offenbart, der „umkehrt und Glauben ausübt und gute Werke hervorbringt und beständig ohne Unterlass betet“ (Alma 26:22).

    Durch die Entmystifizierung des Buches Offenbarung hat Joseph Smith Hindernisse beiseite geräumt, die den Blick auf das eigentlich Wichtige im Evangelium Jesu Christi versperren könnten. Klar ist, dass die Offenbarung des Johannes von dem handelt, was in den Letzten Tagen wichtig ist: der Abfall vom Glauben und die Wiederherstellung, das Zweite Kommen Jesu Christi, sein Sieg über den Teufel, seine Herrschaft im Millennium sowie die Auferstehung und das Jüngste Gericht. Das kann uns in unserem Bemühen helfen, die Wahrheit zu finden und dem Willen Gottes zu folgen. Sind wir jedoch darauf versessen, eine Gestalt in besagter Offenbarung auf bestimmte Weise auszulegen, vernachlässigen wir vielleicht das, worauf es tatsächlich ankommt.8

    Joseph Smith ist es zu verdanken, dass das Buch Offenbarung durch ein wunderbares Licht erhellt wird. Wenn wir uns eingehend damit befassen, können wir unseren Platz im Gefüge der Weltgeschichte und des Umgangs Gottes mit seinen Kindern bestimmen. Durch dieses Wissen erkennen wir, wie wichtig unser persönliches Zeugnis von Jesus Christus ist und welche Bedeutung es hat, voll und ganz an seinem Werk in den Letzten Tagen teilzuhaben. Dann können wir die Welt überwinden und mit Christus zusammen alles ererben, was der Vater hat (siehe Offenbarung 3:21; 21:7).

    Anmerkungen

    1. Siehe etwa Offenbarung 2:1, Fußnote a, oder Offenbarung 6:14, Fußnote a, in der englischen Ausgabe der heiligen Schriften

    2. Joseph Smiths Übertragung von Offenbarung 1:7 (im Anhang der englischen Ausgabe der heiligen Schriften) lautet: „For behold, he cometh in the clouds with ten thousands of his saints in the kingdom, clothed with the glory of his Father. And every eye shall see him; and they who pierced him, and all kindreds of the earth shall wail because of him.“ Die von Joseph Smith hinzugefügten Worte (hier hervorgehoben) stellen eine Verbindung zwischen diesem Vers und anderen Schriftstellen her, die sich mit dem Zweiten Kommen Christi befassen, etwa mit Matthäus 16:27 („Hoheit seines Vaters“) [oben: „the glory of his Father“] oder Judas 1:14 („mit seinen heiligen Zehntausenden“).

    3. Bible Dictionary, „Revelation of John“

    4. History of the Church, 5:342

    5. Joseph Smith war klar, dass die ersten fünf der sieben Siegel zurückliegende Ereignisse betreffen. Diese sollen aber herausstreichen, dass die Menschheit auf ein Ziel oder einen Endpunkt zusteuert, dessen Höhepunkt die Ereignisse bilden, die zum Zweiten Kommen führen – natürlich lange nach Johannes.

    6. Im angeführten Beispiel sind die Lebewesen als solche wörtlich zu nehmen – sie stellen vier einzelne Lebewesen dar. Johannesʼ Beschreibung hingegen enthält symbolische Elemente (viele Augen und Flügel), die eher abstrakte Eigenschaften beschreiben sollen, nicht aber ihr eigentliches Erscheinungsbild (siehe Offenbarung 4:6-8; LuB 77:4).

    7. History of the Church, 5:343

    8. Joseph Smith erachtete dies wohl als besonders wichtig für Missionare. So sagte er: „O ihr Ältesten Israels, vernehmt, was ich zu euch spreche. Wenn ihr zur Verkündigung des Evangeliums in die Welt gesandt werdet, predigt das, was euch aufgetragen ist, und verkündet laut: ‚Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe; kehrt um, und glaubt an das Evangelium.‘ Verkündet die ersten Grundsätze und lasst die Geheimnisse ruhen, damit ihr nicht zu Fall gebracht werdet. Befasst euch nicht mit Visionen von Lebewesen und Themen, die ihr nicht versteht.“ (History of the Church, 5:344.)