Wie man eine Herzenswandlung erfährt

von den Siebzigern

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    Wie man eine Herzenswandlung erfährt

    Vor einigen Jahren hörte ich bei einer Zonenkonferenz in Osteuropa einem jungen Missionar zu, der den anderen Missionaren von einem Erlebnis erzählte, das ihn nachhaltig geformt hatte. Er und sein Mitarbeiter hatten in einer weit entfernten Stadt einen Mann mittleren Alters namens Iwan (Name geändert) gefunden und unterwiesen. Der Untersucher kam aus schwierigen Verhältnissen, was sich darin widerspiegelte, dass er abgewetzte Kleidung und einen struppigen Bart trug und sehr zurückhaltend auftrat. Das Leben hatte ihn sehr hart und unfreundlich angepackt.

    Da Iwan sich mit Religion überhaupt nicht auskannte, hatte er viel vor sich. Gewohnheiten, die mit dem wiederhergestellten Evangelium unvereinbar waren, waren abzulegen. Neue Grundsätze mussten angenommen und dann verinnerlicht werden. Iwan war lernwillig, und er bereitete sich eifrig auf seine Taufe und Konfirmierung vor. Zwar blieb seine Kleidung abgetragen und sein Bart zottig, aber er hatte die ersten Schritte unternommen. Kurz nach Iwans Taufe wurde der Missionar versetzt. Er hoffte, Iwan irgendwann einmal wiederzusehen.

    Sechs Monate später versetzte der Missionspräsident den jungen Missionar erneut in seine frühere Gemeinde. Dieser war überrascht, freute sich aber sehr, zurückzukommen. Am ersten Sonntag in der ehemaligen Gemeinde kam er mit einem neuen Mitarbeiter zeitig zur Abendmahlsversammlung. Die Mitglieder freuten sich, den Missionar wieder bei sich zu haben. Sie eilten strahlend auf ihn zu und begrüßten ihn herzlich.

    Der Missionar erkannte fast jeden in der kleinen Gemeinde wieder. Allerdings suchte er die Gesichter vergeblich nach dem Mann ab, den er und sein Mitarbeiter sechs Monate zuvor unterwiesen und getauft hatten. Enttäuschung und Traurigkeit überkamen den Missionar. War Iwan wieder in seine schädlichen Gewohnheiten zurückgefallen? Hatte er sein Taufbündnis nicht in Ehren gehalten? Waren die Segnungen dahin, die ihm aufgrund seiner Umkehr verheißen waren?

    Der Missionar wurde aus seinen angstvollen Gedanken gerissen, als ein unbekannter Mann auf ihn zueilte und ihn umarmte. Der Mann war glattrasiert, lächelte zuversichtlich und hatte eine positive Ausstrahlung, die nicht zu übersehen war. In weißem Hemd und mit sorgfältig gebundener Krawatte machte er sich gerade daran, an diesem Sabbatmorgen das Abendmahl für die kleine Schar der Anwesenden vorzubereiten. Der Missionar erkannte ihn erst, als er zu sprechen anfing. Es war der neue Iwan – nicht der Iwan von vorher, den sie unterwiesen und getauft hatten! Der Missionar sah, dass sein Freund das Wunder des Glaubens, der Umkehr und der Vergebung verkörperte und dass das Sühnopfer eine Realität war.

    Der Missionar berichtete seinen Zuhörern bei der Zonenkonferenz, dass Iwan sich in den Monaten, in denen er selbst nicht in der Gemeinde gewesen war, in jeder Hinsicht zum Besseren hin verändert hatte. Iwan hatte das Evangelium wirklich angenommen, und das strahlte er auch aus. Er hatte eine „Herzenswandlung“ (Alma 5:26) erfahren, die so intensiv war, dass er sich taufen ließ und eifrig weiter an seiner Bekehrung arbeitete. Er bereitete sich auf das höhere Priestertum und die heiligen Handlungen des Tempels vor. Iwan war tatsächlich „von neuem geboren“ (Alma 7:14).

    Zum Schluss seiner Ansprache fragte sich der Missionar für alle hörbar: „Inwieweit hat sich mein Herz in den vergangenen sechs Monaten gewandelt?“ Und noch eine Frage stellte er sich vor aller Ohren: „Bin ich ‚von neuem geboren‘?“ Das sind zwei tiefgründige Fragen, die sich jeder von uns regelmäßig stellen sollte.

    In den Jahren seither habe ich über die Worte des jungen Missionars und Iwans Handlungen immer wieder nachgedacht. Ich habe darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, eine „mächtige Wandlung“ (Alma 5:12) im Herzen zu erfahren und „geistig aus Gott geboren“(Alma 5:14) zu sein, um das wiederhergestellte Evangelium wirklich voll und ganz anzunehmen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass beides eindeutig ein wesentlicher Bestandteil der Lehre Gottes ist und nicht nur etwas, was einmal im Leben geschieht. Beides steht uns beständig offen, damit unsere Bekehrung noch tiefgreifender wird und wir unseren Charakter immer weiterentwickeln. Beides bereitet uns noch umfassender auf das ewige Leben vor.

    Die geistige Neugeburt – eine Herausforderung

    Es ist keine leichte Aufgabe, von neuem geboren zu werden und eine mächtige Wandlung im Herzen zu erfahren, aber wir alle müssen uns damit auseinandersetzen. Einige Christen glauben, dass sie von neuem geboren werden können, indem sie lediglich Christus als den Erretter der Welt anerkennen, unabhängig von ihrem früheren oder künftigen Verhalten. Andere behaupten, dass wir allein dadurch am Ende wieder beim Vater und Sohn sein werden, dass wir die Rolle Christi einfach nur anerkennen und außerdem ein einziges Mal den Glauben an Christus zum Ausdruck bringen. So gut gemeint diese Ansicht auch sein mag, sie trifft nicht ganz zu.

    Im Neuen Testament gibt es zahlreiche Hinweise auf das Prinzip einer Neugeburt, aber in den vorliegenden Übersetzungen wird darin nicht immer genau erklärt, wie das geschieht. Beispielsweise sprechen der Erlöser (siehe Johannes 3:5-7), Johannes der Täufer (siehe Matthäus 3:11) und Paulus (siehe Römer 6:2-6; 2 Korinther 5:17; Galater 4:29; Epheser 4:24) darüber, aber erklären nicht, was es bedeutet.

    Im Gegensatz dazu ist das Buch Mormon eine wunderbare Quelle, um besser zu verstehen, wie man eine mächtige Wandlung im Herzen erfährt und von neuem geboren wird. Die Propheten lehren darin weitaus klarer und vollständiger, wie beides vor sich geht. Alma der Jüngere untersucht beide Begriffe sehr eingehend. Er stellte den Mitgliedern der Kirche drei Fragen: „Ich frage euch, meine Brüder in der Kirche: Seid ihr geistig aus Gott geboren? Habt ihr sein Abbild in euren Gesichtsausdruck aufgenommen? Habt ihr diese mächtige Wandlung in eurem Herzen erlebt?“ (Alma 5:14.)

    Wir wissen aus den heiligen Schriften, dass wir durch die Taufe durch Untertauchen Mitglied der Kirche werden können, aber dass diese heilige Handlung allein noch nicht die geistige Neugeburt ausmacht, durch die wir in die Gegenwart des himmlischen Vaters zurückkehren können. Ähnlich ist es, wenn wir nach der Taufe konfirmiert werden und dadurch das Anrecht darauf erlangen, den Heiligen Geist immer bei uns zu haben. Aber erst, wenn wir wahrhaft umgekehrt sind und damit den Heiligen Geist tatsächlich empfangen, können wir geheiligt, also geistig von neuem geboren werden. Deshalb sind Almas eindringliche Fragen für jeden von uns immer wieder von Bedeutung, das ganze Leben lang.

    Präsident Brigham Young (1801–1877) erklärte die „Neugeburt“ wie folgt: „Wir können, während wir im Fleisch leben, gewissermaßen geistig geboren werden. Und wenn wir unsere eigene unabhängige Ordnung, mit der Gott uns ausgestattet hat, noch vollkommener verstehen, und die Geisterwelt, und die Grundsätze und Kräfte, die auf diesen Organismus einwirken, dann werden wir erfahren, dass ein Mensch dem Geist der Wahrheit und Gott so vollständig und ausschließlich ergeben und so vom Geist eingehüllt sein kann, dass man das zu Recht als Neugeburt bezeichnen kann.“ 1

    König Benjamin lehrte die Menschen seines Volkes in einer bewegenden Rede, wie sie Evangeliumsgrundsätze anwenden sollten (siehe Mosia 2-4). Dann fragte er sie geradeheraus, ob sie seinen Worten glaubten. Ihre eindrucksvolle Antwort stellt ein machtvolles Beispiel dar: „Und sie alle riefen mit einer Stimme, nämlich: Ja, wir glauben all den Worten, die du zu uns gesprochen hast; und wir wissen auch, dass sie gewiss und wahr sind, durch den Geist des Herrn, des Allmächtigen, der in uns, oder in unserem Herzen, eine mächtige Wandlung bewirkt hat, sodass wir keine Neigung mehr haben, Böses zu tun, sondern ständig Gutes zu tun.“ (Mosia 5:2.)

    Sie fuhren fort: „Wir sind willens, mit unserem Gott den Bund einzugehen, seinen Willen zu tun und seinen Geboten in allem, was er uns gebieten wird, zu gehorchen, alle unsere übrigen Tage.“ (Mosia 5:5; Hervorhebung hinzugefügt.)

    König Benjamin erklärte ihnen daraufhin, was geschehen war und wozu das geführt hatte. Dabei definierte er ganz ausgezeichnet den Prozess der Neugeburt:

    „Ihr habt die Worte gesprochen, die ich ersehnt habe; und der Bund, den ihr gemacht habt, ist ein rechtschaffener Bund.

    Und nun, wegen des Bundes, den ihr gemacht habt, werdet ihr die Kinder Christi genannt werden, seine Söhne und seine Töchter; denn siehe, am heutigen Tag hat er euch geistig gezeugt; denn ihr sagt, euer Herz habe sich durch Glauben an seinen Namen gewandelt; darum seid ihr aus ihm geboren und seid seine Söhne und seine Töchter geworden.“ (Mosia 5:6,7.)

    Diese Menschen, die König Benjamin folgten, hatten ganz offensichtlich eine so außerordentliche Herzenswandlung erfahren, dass sie keine Neigung mehr hatten, Böses zu tun. Außerdem waren sie eindeutig geistig gezeugt oder von neuem geboren.

    Denken Sie daran, dass die Erinnerung an vergangene Sünden nicht ausgelöscht wird, wenn man von neuem geboren ist. Aber man erlangt dadurch ein friedliches Gewissen, und der Schmerz infolge der Übertretung wird gelindert (siehe Mosia 27:29; Alma 36:19).

    Segnungen durch die geistige Neugeburt

    Elder Bruce R. McConkie (1915–1985) vom Kollegium der Zwölf Apostel erinnert uns daran, dass „diejenigen Mitglieder der Kirche, die wirklich von neuem geboren sind, sich in einem gesegneten und begünstigten Stand befinden. Diesen haben sie nicht einfach dadurch erlangt, dass sie sich der Kirche angeschlossen haben, sondern durch Glauben (1 Johannes 5:1), Rechtschaffenheit (1 Johannes 2:29) und Liebe (1 Johannes 4:7) und indem sie die Welt besiegt haben (1 Johannes 5:4).“ 2

    Alma der Jüngere erlebte selbst diese Wandlung – vom Feind Gottes zu einem neuen Geschöpf, jemand, der bekehrt war und daher zum Ziel hatte, das Gottesreich zu errichten:

    „Denn, sagte er, ich bin von meinen Sünden umgekehrt und bin vom Herrn erlöst worden; siehe, ich bin aus dem Geist geboren.

    Und der Herr sprach zu mir: Wundere dich nicht, dass die ganze Menschheit, ja, Männer und Frauen, alle Nationen, Geschlechter, Sprachen und Völker von neuem geboren werden müssen, ja, geboren aus Gott, aus ihrem fleischlichen und gefallenen Zustand umgewandelt in einen Zustand der Rechtschaffenheit, durch Gott erlöst, und indem sie seine Söhne und Töchter werden; und so werden sie neue Geschöpfe; und wenn sie dies nicht tun, können sie das Reich Gottes keinesfalls ererben.“ (Mosia 27:24-26; Hervorhebung hinzugefügt.)

    Wenn alle Menschen von neuem geboren werden und eine Herzenswandlung erfahren müssen, ist es egal, ob wir von Geburt an in der Kirche sind oder später als Jugendliche oder Erwachsene bekehrt wurden. Wir alle müssen irgendwann diese Herzenswandlung und Neugeburt des Geistes erleben, während wir unserer vollständigen Bekehrung immer näher kommen. Der Vorgang der Neugeburt und der Herzenswandlung soll umfassend sein und allen Nationen und damit jedem einzelnen Menschen offenstehen.

    In den heiligen Schriften finden sich Berichte von Menschen, die auf bemerkenswerte Weise von neuem geboren wurden, so wie Paulus (siehe Apostelgeschichte 9:1-20) und Alma der Jüngere (siehe Mosia 27:8-37). Allerdings ist diese Herzenswandlung für die meisten Menschen heute wie auch zu Zeiten der Bibel und des Buches Mormon kein einmaliges Ereignis, sondern vielmehr ein allmählicher Vorgang, der im Stillen vor sich geht.

    Elder McConkie sagte bei einer Konferenz des Pfahles Brigham Young University 1 die folgenden tröstlichen und ermutigenden Worte: „Bei den meisten Menschen ist die Bekehrung [geistige Neugeburt, die mit der Vergebung der Sünden einhergeht] ein Prozess. Dieser vollzieht sich Schritt um Schritt, Grad um Grad, Stufe um Stufe, von einem niedrigeren Stand auf einen höheren, von Gnade zu Gnade, bis es so weit ist, dass sich der Betreffende gänzlich der Sache der Rechtschaffenheit zugewandt hat. Das heißt also, dass ein Mensch eine Sünde heute besiegt und eine andere Sünde morgen. Er vervollkommnet sein Leben auf einem Gebiet jetzt und auf einem anderen Gebiet später. Dieser Bekehrungsprozess schreitet fort, bis er abgeschlossen ist, bis wir buchstäblich, wie es im Buch Mormon heißt, anstatt des natürlichen Menschen ein Heiliger Gottes werden.“ 3

    Es spielt keine Rolle, ob unsere geistige Neugeburt plötzlich zustande kommt oder, wie es häufiger ist der Fall ist, nach und nach. Obwohl sie unterschiedlich ablaufen kann, ist das Ergebnis immer ähnlich. Bekehrung ist qualitativ immer dasselbe. Bei jedem Menschen äußert sich eine mächtige Wandlung im Herzen, indem er Freude und Liebe verspürt, die den vorausgegangen Schmerz des Ungehorsams beseitigen (siehe Alma 36:20,21). Wie gütig unser himmlischer Vater doch ist! Wie umfassend ist doch das Sühnopfer seines Sohnes!

    Wenn Sie und ich uns nach diesen wahren Lehren richten wie der Missionar in Osteuropa und sein Untersucher, können wir diese mächtige Wandlung im Herzen und die geistige Neugeburt erleben und dadurch die verheißenen Segnungen ernten, nämlich Frieden, Liebe, wahre Freude und die Neigung, beständig Gutes zu tun.

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      Anmerkungen

    1.   1.

      Deseret News, 2. Mai 1860, Seite 68

    2.   2.

      Mormon Doctrine, 2. Auflage, 1966, Seite 101; siehe auch Joseph-Smith-Übersetzung, 1 Johannes 3:9

    3.   3.

      Be Ye Converted, Brigham Young University Speeches of the Year, 11. Februar 1968, Seite 12