ICH WURDE NACH DEM SUIZID MEINER TOCHTER gerettet

Le Etta Thorpe

Die Verfasserin lebt in Utah.

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    Als meine Tochter sich das Leben nahm, hatte ich keine Familie, die mir in dieser schweren Zeit beistehen konnte, außer meiner Gemeindefamilie.

    woman sitting at church

    FOTOS VON DAVID STOKER, SZENEN NACHGESTELLT

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    Vor Kurzem stellte mir eine Freundin eine Frage, die mich überraschte. Von all den Fragen, die man stellen könnte, nachdem ein Angehöriger sich das Leben genommen hat, kam ihr nur eine in den Sinn. Ihre Frage lautete: „Wie hat dir die Kirche nach dem Suizid deiner 15-jährigen Tochter geholfen?“

    Mein erster Gedanke war: „Gar nicht. Ich habe alle zurückgewiesen, mich zuhause verkrochen und in völliger Einsamkeit gelitten.“

    Aber nachdem ich ein paar Tage darüber nachgedacht hatte, wurde mir klar, dass ich völlig falsch lag. Zweifellos war meine Sichtweise durch die unvorstellbar schreckliche Erfahrung, die ich gemacht hatte, getrübt.

    Im Krankenhaus, wohin man meine schon verstorbene Tochter Natalie gebracht hatte, stand ich unter Schock. Ich war vollkommen betäubt, körperlich wie geistig. Die Geschehnisse um mich herum konnte ich zwar sehen, aber ich fühlte nichts: Die Polizei stellte Fragen, Freunde weinten, die Ärzte informierten mich. Es ist alles verschwommen und doch völlig klar.

    Ich erinnere mich, dass mein ehemaliger Bischof und seine Frau dort waren. Eine Kollegin hatte sie angerufen. Meine Tochter Natalie und ich waren erst vor wenigen Monaten aus ihrer Gemeinde fortgezogen. Die beiden waren sehr gute Freunde von uns.

    Die Frau hieß auch Natalie. Sie sagte mir, dass ich jetzt bei ihnen unterkommen würde. Bevor ich wusste, wie mir geschah, saß ich in ihrem Auto und wir fuhren in mein altes Wohnviertel. Mein Zeitgefühl war mir abhandengekommen, aber ich weiß, dass schon fast der nächste Tag angebrochen war, als ich einen Priestertumssegen vom Bischof und einem Freund erhielt.

    Man muss mich wohl über all die Beerdigungsvorbereitungen informiert haben, aber ich bekam gar nicht mit, was geschah. Ich zog mich an, wenn es mir gesagt wurde. Ich stieg ins Auto, wenn mir gesagt wurde, dass wir irgendwohin fahren müssen. Ich fühlte mich wie ein Roboter, der nur die einfachsten Befehle ausführte. Zu mehr war ich nicht fähig. Überraschenderweise hatte ich noch keine Träne vergossen.

    Die Beerdigung meiner Tochter war wunderschön. Es wurde viel gelacht und geweint, und der Geist war sehr stark zu spüren. Meine älteste Tochter, Victoria, reiste von einem anderen Staat zurück nach Utah. Sie hatte ein Lied geschrieben, das sie auf der Beerdigung vortrug.

    Mir wurde nie eine Rechnung für die Beerdigung vorgelegt, mir wurde nur gesagt, dass man sich darum kümmere. Binnen weniger Wochen waren die Kosten für die Beerdigung durch Spenden von Mitgliedern der Kirche in voller Höhe beglichen worden.

    Zu dem Zeitpunkt wohnte ich immer noch bei meinem ehemaligen Bischof und seiner Familie. Mitglieder aus meiner ehemaligen Gemeinde suchten mir eine neue Wohnung. Sie fanden eine hübsche Souterrain-Wohnung, und bevor ich wusste, wie mir geschah, unterzeichnete ich den Mietvertrag. Ich hatte nichts dazu beigetragen. Es war das Werk vieler Mitglieder der Kirche, darunter auch meiner lieben Freundin Natalie, der Frau des Bischofs.

    Mitglieder der Gemeinde halfen mir und meiner anderen Tochter beim Umzug und packten unsere Sachen aus. Die ersten beiden Monatsmieten waren schon bezahlt worden – wiederum mit Spenden von Mitgliedern. Ich hatte immer noch keinerlei Zeitgefühl und ich war seelisch zum Teil immer noch wie betäubt, aber langsam begann ich wieder, etwas zu empfinden.

    Ungefähr einen Monat nach dem Tod meiner Tochter wurde mir langsam bewusst, was eigentlich geschehen war und welche Dimensionen es hatte. Es war ein Gefühl, als ob erst dicker, schwarzer Rauch langsam hereinzog, gefolgt von dichtem Qualm, bis ich vollständig von Finsternis umgeben war. Tiefste Trauer kann uns blind machen.

    Natalie war an Thanksgiving gestorben, dem vierten Donnerstag im November. Jetzt war Weihnachten. Die Feiertage ließen mich meinen Verlust noch stärker spüren. Meine Tränen flossen tagelang ohne Unterlass, und die Qual schien in dieser Zeit nie nachzulassen. Minuten schienen wie Stunden, Stunden wie Tage, Tage wie Jahre.

    Als Geschiedene hatte ich keinen Mann, der zur Arbeit gehen und unseren Lebensunterhalt verdienen konnte. Wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich mich zusammengerollt und in einen Schrank eingeschlossen und wäre nie wieder herausgekommen. Aber diesen Luxus konnte ich mir nicht leisten. Ich musste irgendwie die Kraft finden, zu funktionieren. Ich musste eine Arbeit finden. Ich hatte an Thanksgiving zwar zu arbeiten, aber irgendwie hatte ich in dem ganzen Chaos meine Arbeit vergessen. Ich hätte dorthin zurückkehren können, aber meine Natalie hatte mich so oft und gerne dort besucht. Der Gedanke, ohne sie dorthin zurückzukehren, war mir unerträglich.

    In der ersten Januarwoche hatte ich eine schlecht bezahlte Arbeitsstelle gefunden. Ich versuchte so zu tun, als sei alles beim Alten. Mein Körper machte weiter, aber ich hatte das Gefühl, als sei ich innerlich gestorben. Niemand wusste, dass ich eigentlich nur eine leere Hülle war, die nur so tat, als ob sie lebte. Nur auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen.

    Nach und nach begann ich auch, meine neue Gemeinde zu besuchen. Ich wusste, sobald mich jemand fragt, wie es mir geht, würde ich zusammenbrechen. Ich wollte unbedingt zur Kirche gehen, aber ich wollte mit niemandem sprechen und erst recht niemandem in die Augen sehen. Von ganzem Herzen wünschte ich mir, ich könnte unsichtbar sein. Mehr als alles andere wollte ich mir diesen alles verzehrenden Schmerz aus der Brust reißen.

    Ich habe keine Ahnung, was die Schwestern in der Frauenhilfsvereinigung von mir hielten, aber es war mir zu der Zeit auch ziemlich egal. Ich brauchte all meine Kraft schon allein zum Luft holen. Ich habe bestimmt den Eindruck vermittelt, dass ich in Ruhe gelassen werden wollte, denn niemand sprach mich an. Ab und zu lächelte mich jemand freundlich an, das war tröstlich für mich. Es war genau so viel, dass es mich davon abhielt, zum nächsten Ausgang zu rennen. Ich war immer kurz davor.

    Die Zeit kann alles heilen. Sie löscht die Ereignisse nicht aus, aber sie lässt es zu, dass sich auch große Wunden langsam schließen.

    Es hat einige Jahre gedauert, bis mir klar wurde, wie viel mir meine Brüder und Schwestern in der Kirche nach jenem schicksalhaften Thanksgiving 2011 geholfen haben. Es war, als wäre ich mit einer lebensgefährlichen Verletzung vom Schlachtfeld getragen worden. Man pflegte mich gesund und kümmerte sich um mich, bis ich wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.

    Ich habe unendlich viele Segnungen erhalten, auf ganz verschiedene Weise. Mein Zeugnis ist unglaublich gewachsen. Ich weiß jetzt, wie es ist, wenn man von unserem Erretter liebevoll in die Arme genommen wird.

    Um also die Frage meiner Freundin zu beantworten, wie mir die Mitglieder der Kirche durch diese Tortur geholfen haben, kann ich nur sagen: „Sie haben mir nicht nur geholfen. Sie haben mich gerettet.“