2011
In mir brannte ein Feuer
Oktober 2011


In mir brannte ein Feuer

Als Eduardo Contreras lesen lernte, erlangte er auch ein Zeugnis vom Buch Mormon und von dessen Kraft.

Mein Großvater hat immer gesagt: ‚Wenn du etwas werden willst, musst du lesen lernen‘“, sagt Eduardo Contreras. „Mein Großvater hatte Recht.“

Allerdings musste Eduardo einen langen Weg zurücklegen, bis er lesen konnte. Seine Mutter war Witwe und zog im argentinischen Córdoba fünf Kinder groß. Mit acht Jahren verließ Eduardo die Schule, um zu arbeiten und zum Lebensunterhalt seiner Familie beizutragen.

„Wir waren sehr arm“, erinnert er sich. Um das Einkommen aufzubessern, putzte Eduardo Schuhe, stellte Ziegel her, erntete Kartoffeln, verkaufte Zeitungen und nahm allerhand Gelegenheitsarbeiten an, bis er als junger Mann eine Vollzeitstelle in der Stadtverwaltung bekam.

Die Jahre vergingen, und Eduardo Contreras heiratete und gründete eine eigene Familie. Als fast alle seiner fünf Kinder bereits das Haus verlassen hatten, konnte er immer noch nicht lesen und hatte wenig Aussicht, es jemals zu erlernen. Das änderte sich, als er eines Tages ein paar Jungen verjagte, die vor seinem Haus zwei Missionare der Kirche hänselten. Er bat die Missionare herein, und kurze Zeit später hörten er und seine Frau María die Lektionen der Missionare an.

„Es war nicht leicht für mich, überhaupt etwas zu verstehen, weil sie nur wenig Spanisch sprachen“, erinnert sich Bruder Contreras, „aber sie zeigten mir eine Broschüre mit Bildern vom Erlöser und vom Propheten Joseph Smith im Heiligen Hain. Ich fand die Bilder, die sie uns zeigten, und das, was sie uns erzählten, wunderbar.“

Bald kamen neue Missionare, darunter ein spanischer Muttersprachler. Eduardo und María, die einige Jahre zuvor ihre kleine Tochter verloren hatten, waren tief berührt, als sie den Film Für immer vereint anschauten. Sie ließen sich bald darauf zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Osvaldo taufen.

Nach seiner Taufe im Jahr 1987 hatte Eduardo Contreras den Wunsch, sein Zeugnis zu festigen, indem er das Buch Mormon las. „Wie lerne ich lesen?“, fragte er seine Frau. María meinte, er solle die Buchstaben anschauen, sie in Gedanken zusammenziehen, daraus ein Wort bilden und dann versuchen, laut zu lesen. Mit viel Übung, so versicherte sie ihm, könne er schließlich lesen lernen.

Bruder Contreras, der damals 45 Jahre alt war, kannte viele Buchstaben und wusste, wie sie klangen, hatte aber nie mehr zu lesen versucht, seit er fast vier Jahrzehnte zuvor die Schule verlassen hatte.

Es war wie ein Feuer

An einem heißen Sommertag setzte sich Eduardo Contreras mit einem Gebet im Herzen im Garten seines Hauses in den Schatten. „Ich war entschlossen, den Versuch zu wagen“, sagt er.

Seine Frau meint, sie hätte sich nie träumen lassen, was sich dann ereignete. Sie war in der Küche beschäftigt und hörte zwischendurch immer wieder Eduardos Bemühungen, Buchstaben und Wörter auszusprechen. „Plötzlich hörte ich ihn schnell sprechen“, erzählt sie. „Ich hörte genau hin und erkannte, dass er las – und das fließend! Es war nicht einmal eine halbe Stunde vergangen, und er konnte schon lesen!“

Eduardo war so in seine Bemühungen vertieft, dass er nicht bemerkt hatte, dass er bereits las. Aber beim Lesen, erinnert er sich, „war es, als würde ein Feuer in mir brennen“. Erschrocken und überrascht rief Eduardo seine Frau: „Mami, was geschieht mit mir?“

„Das ist der Geist des Herrn“, erwiderte María. „Du kannst fließend lesen!“

María Contreras sagt über dieses Erlebnis: „Das können wir niemals abstreiten.“

Ihr Mann fügt hinzu: „Als ich lesen gelernt habe, habe ich auch ein Zeugnis vom Buch Mormon und von dessen Kraft erlangt.“

Von da an stand Bruder Contreras jeden Morgen um vier Uhr auf, um vor der Arbeit im Buch Mormon zu lesen. Dann las er das Buch Lehre und Bündnisse und schließlich die Bibel. Nun ziert eine Bibliothek das Zuhause der Familie Contreras. Vor 1987 gab es bei ihnen kaum Bücher.

Je mehr Eduardo und María Contreras über das Evangelium erfuhren, desto stärker wurde ihr Zeugnis. Als ihr Sohn Osvaldo 2001 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, half ihnen ihr Zeugnis – verbunden mit machtvollen geistigen Erlebnissen beim Beten und im Buenos-Aires-Tempel, wo sie und Osvaldo aneinander gesiegelt worden waren –, mit dem Verlust besser zurechtzukommen.

„Vielleicht wären andere Eltern verrückt geworden“, meint Eduardo, „aber wir verspürten eine innere Ruhe, die uns wissen ließ: ‚Eurem Sohn geht es gut.‘ Natürlich weinten wir. Er war ein guter Sohn, und wir vermissen ihn sehr. Aber wir sind im Tempel aneinander gesiegelt, und wir wissen, wo er ist.“

Lesen und schreiben zu können bereichert das Leben

Eduardo Contreras lernte auch schreiben, weil ein Mitglied der Gemeinde ihn unterrichtete. „Früher“, meint er, „konnte ich nicht einmal mit meinem Namen unterschreiben.“

Lesen und schreiben zu können, hat sein Leben bereichert, und er weiß jetzt, dass sein Großvater Recht hatte.

„Wir sind hier auf der Erde, um jeden Tag ein bisschen Fortschritt zu machen“, sagt er. Weil er selbst lesen und schreiben gelernt habe, sagt er weiter, zeige er seinen Kindern und Enkelkindern, dass es nie zu spät sei, etwas zu lernen, sich zu vervollkommnen und so zu werden, wie Gott uns haben möchte. „Weil ich lesen kann, lerne ich jeden Tag etwas Neues“, meint er.

Heute kann Bruder Contreras alles lesen, was er lesen möchte, auch die Zeitung, die er als Kind, das nicht lesen konnte, verkauft hatte. Die heiligen Schriften sind seine Lieblingsbücher, vor allem das Buch Mormon. Er hat es acht Mal von vorne bis hinten durchgelesen.

„Das Buch Mormon öffnete mir die Tür“, erklärt er, und er ist nach wie vor dankbar, wie seine Lesefähigkeit und das Evangelium sein Leben verändert haben. „Das Buch Mormon bedeutete mir alles. Es bedeutet mir alles. Jedes Mal, wenn ich es aufschlage, um darin zu lesen, verspüre ich den Heiligen Geist.“

Eduardo Contreras, hier mit seiner Frau María, sagt, das Buch Mormon habe ihm die Tür dazu geöffnet, lesen zu lernen. „Jedes Mal, wenn ich es aufschlage, um darin zu lesen, verspüre ich den Heiligen Geist“, sagt er.

Foto von Michael R. Morris