2002
Der Johannisbeerstrauch
März 2002


Klassiker Im Liahona

Der Johannisbeerstrauch

„Danke, Gärtner, dass du mich so sehr liebst, dass du mich zurechtgestutzt hast.“

Manches Mal fragt man sich, ob der Herr wirklich weiß, was er einem antut. Manches Mal fragt man sich, ob man selbst nicht besser weiß als er, was man tun und was aus einem werden soll. Ich möchte Ihnen gern erzählen, wie Gott mir einmal bewiesen hat, dass er es doch am besten weiß.

Ich lebte damals in Kanada und hatte eine ziemlich heruntergewirtschaftete Farm erworben. Eines Morgens entdeckte ich einen Johannisbeerstrauch, der über zwei Meter hoch war. Er hatte nur Langtriebe – keine Blüten, keinen Fruchtansatz. Ich war auf einer Obstplantage bei Salt Lake City groß geworden und wusste, was ich zu tun hatte. Ich holte mir also eine Gartenschere und schnitt ihn fast bis auf den Boden zurück. Es wurde gerade erst hell, und mir schien, als ob ich auf jedem Stumpf eine Träne sah, als ob der Johannisbeerstrauch weinte. In meinem schlichten Gemüt (das ich noch immer nicht ganz verloren habe), schenkte ich ihm ein warmes Lächeln und fragte: „Warum weinst du denn?“ Und dann war mir, als ob der Johannisbeerstrauch antwortete:

„Wie konntest du mir das nur antun? Ich war doch schon so groß. Ich war doch schon fast so groß wie ein Obstbaum – wie der da hinter dem Zaun, und jetzt hast du mich ganz zurückgeschnitten. Alle Pflanzen hier im Garten werden auf mich herabblicken, weil ich nicht zu dem geworden bin, was in mir steckt. Wie konntest du mir das bloß antun? Ich habe immer geglaubt, du wärst hier der Gärtner.“

So also stellte ich mir die Rede des Johannisbeerstrauchs vor, und weil die Vorstellung so lebhaft war, sagte ich zu ihm: „Schau mal, kleiner Johannisbeerstrauch, ich bin hier der Gärtner und ich weiß, was aus dir werden soll. Du sollst kein Obstbaum oder Schattenspender werden. Du sollst ein Johannisbeerstrauch sein und eines Tages, wenn du reich mit Beeren beladen bist, wirst du zu mir sagen: ‚Danke, Gärtner, dass du mich so sehr liebst, dass du mich zurechtgestutzt hast. Vielen Dank!‘“

Jahre später war ich in England. Ich befehligte dort eine Kavallerie-Abteilung des kanadischen Heeres. Ich war stolz darauf, kommandierender Offizier in der britisch- kanadischen Armee zu sein. Dann stand eventuell meine Beförderung zum General an. Ich hatte alle Untersuchungen und Tests bestanden. Ich war der Rangälteste. Der einzige Anwärter zwischen mir und dem Generalsrang war gefallen. Ich erhielt ein Telegramm aus London, worin stand: „Morgen, 10.00 Uhr, in meinem Büro“, unterzeichnet von General Turner.

Ich fuhr nach London. Forsch trat ich in das Büro des Generals, forsch salutierte ich, und er salutierte so herablassend, wie es Vorgesetzte immer zu tun pflegen – mit einer Andeutung von „Geh mir aus dem Weg, du Wurm!“. Er sagte: „Setzen Sie sich, Brown.“ Und dann sagte er: „Tut mir Leid, ich kann Sie nicht befördern. Sie sind zwar der Rangnächste, Sie haben sich allen Tests unterzogen, Sie haben Anspruch darauf, und Sie waren stets ein guter Offizier. Aber ich kann Sie nicht zum General befördern. Sie werden nach Kanada gehen und dort als Offizier in den Bereichen Schulung und Logistik eingesetzt.“ Das, worauf ich zehn Jahre lang gehofft und wofür ich gebetet hatte, zerrann mir nun zwischen den Fingern.

Als der General dann kurz den Raum verließ, weil nebenan das Telefon klingelte, sah ich in meiner Personalakte ganz unten den Vermerk: „DER MANN IST MORMONE.“ Wir hatten damals keinen besonders guten Ruf. Und in diesem Moment wurde mir klar, weshalb ich nicht befördert worden war. Der General kam zurück und sagte: „Das war’s, Brown.“ Ich salutierte, wenn auch nicht mehr ganz so forsch, und ging.

Ich stieg in den Zug und fuhr zurück – enttäuscht und traurig. Und all die 190 Kilometer schien mir das Rattern der Eisenbahn einzuhämmern: „Versager, Versager.“ Als ich in meinem Zelt anlangte, warf ich verbittert die Mütze auf mein Bett und schüttelte die geballten Fäuste gegen den Himmel. Ich rief: „Wie konntest du mir das nur antun, Gott? Für meine Qualifikation habe ich alles getan, was ich nur tun konnte. Was immer ich tun konnte – was immer ich tun sollte –, alles habe ich getan! Wie konntest du mir das nur antun?“ Ich war völlig verbittert!

Und dann vernahm ich eine Stimme, die ich kannte, denn es war meine eigene Stimme, die sagte: „Ich bin hier der Gärtner und ich weiß, was aus dir werden soll.“ Und da wich die Bitterkeit aus meiner Seele; ich fiel vor dem Feldbett auf die Knie und bat Gott, mir die Undankbarkeit und Verbitterung zu vergeben. In diesem Augenblick stimmte jemand in einem Nachbarzelt ein Lied an. Ein paar unserer Mormonenjungs kamen donnerstags nämlich immer zusammen und normalerweise fand auch ich mich dort ein. Wir saßen dann auf dem Boden und hielten unsere GFV-Versammlung ab. Und während ich noch kniete und um Vergebung bat, hörte ich sie singen:

Doch wenn er mich sanft und leise ruft

auf Pfade, die ich nicht weiß,

antworte ich: Herr, mit dir Hand in Hand

will ich gehn, wohin du mich heißt.

(Gesangbuch, Nr. 180)

Ich erhob mich sehr demütig von den Knien. Und nun, nach beinahe 50 Jahren, blicke ich zum Himmel auf und sage: „Danke, Gärtner, dass du mich zurechtgestutzt hast. Danke, dass du mich so sehr liebst, dass du mir sogar wehgetan hast.“ Denn heute weiß ich, dass es klug war, dass ich damals nicht zum General befördert worden bin. Dann wäre ich zwar der ranghöchste Offizier im ganzen Westen Kanadas gewesen und hätte mein Leben lang einen schönen Sold bezogen, eine Dienstwohnung und später auch eine gute Pension gehabt. Aber meine sechs Töchter und zwei Söhne wären in der Kaserne groß geworden und hätten zweifellos außerhalb der Kirche geheiratet und aus mir wäre wohl nichts geworden. Auch so ist aus mir nicht viel geworden, aber immerhin mehr, als wenn der Herr mich den Weg hätte einschlagen lassen, den ich damals gehen wollte.

Viele von Ihnen machen große Schwierigkeiten durch – Enttäuschungen, Herzeleid, Todesfälle oder Niederlagen. Sie werden schwer geprüft. Doch wenn Sie nicht das bekommen, von dem Sie meinen, dass es Ihnen zusteht, dann denken Sie bitte daran: Gott ist hier der Gärtner. Er weiß, was aus Ihnen werden soll. Unterwerfen Sie sich seinem Willen. Seien Sie seiner Segnungen würdig und Sie werden gesegnet werden.

Dieser Artikel ist im Januar 1973 in der New Era erschienen.

Hugh B. Brown wurde in Granger in Utah geboren, wuchs aber in Alberta in Kanada auf. Er diente von 1961 bis 1970 unter David O. McKay, dem neunten Präsidenten der Kirche, als Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft. Hugh B. Brown war ein machtvoller Redner und Lehrer, der insbesondere die jungen Menschen der Kirche liebte und verstand.