2002
Auge in Auge
September 2002


Auge in Auge

Früher war das Alte Testament für mich so etwas wie ein Märchenbuch mit schönen Geschichten, die mit mir und meinem Leben eigentlich nichts zu tun hatten. Das alles hatte sich ja schon vor Tausenden von Jahren zugetragen und war daher wohl kaum noch zeitgemäß. Mein Seminarlehrer jedoch war ein großer Freund des Alten Testaments, und seine Begeisterung sowie sein demütiges Zeugnis ließen in mir die Achtung vor dieser heiligen Schrift wachsen.

Als ich eines Abends im Alten Testament las, stieß ich auf den folgenden Vers: „Der Herr und Mose redeten miteinander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden.“ (Exodus 33:11.)

Ich las diese Worte, aber sie drangen mir nicht sogleich ins Herz. Der Herr hatte zu Mose gesprochen. Ja, natürlich – es ist doch ganz normal, dass der Herr seinem Propheten erscheint und Auge in Auge mit ihm spricht.

Dann betete ich und fing an, wirklich über diese Schriftstelle nachzudenken. Mir war zwar klar, dass der himmlische Vater mir nicht gleich in derselben Nacht erscheinen würde, aber ich konnte ja versuchen, so mit ihm zu sprechen, „wie Menschen miteinander reden“. Und da spürte ich, wie ich von seiner Liebe eingehüllt wurde.

Ich betete und wiederholte dabei mit eigenen Worten, was ich gelesen hatte: „Mose hat Auge in Auge mit dir gesprochen, wie Menschen miteinander reden.“ Ich hielt inne. Immer wieder sagte ich mir diese Worte vor.

Und plötzlich verstand ich. Die Erkenntnis war so tiefgründig und doch gleichzeitig so einfach: Mose hatte Gott Auge in Auge gesehen. Plötzlich erschien mir die Zeit des Alten Testaments gar nicht mehr so weit entfernt, und mir wurde bewusst, dass Mose ein sterblicher Mensch gewesen war – genauso wie ich. Die heiligen Schriften wurden lebendig; ich wusste, dass Mose wirklich gelebt und geatmet hatte, dass auch er Schwierigkeiten zu bewältigen und mit mangelndem Selbstvertrauen zu kämpfen gehabt hatte. Dennoch hatte er mit dem Messias gesprochen, dem Jahwe Israels, seinem Herrn und Erlöser – meinem Herrn und Erlöser –, und zwar auf dieselbe Weise, wie ich mit meinem irdischen Vater sprach.

„Himmlischer Vater“, betete ich erneut, „ich wünsche mir nichts sehnlicher, als zu dir zurückzukehren.“ Ich beendete mein Gebet und kroch ins Bett. Dabei spürte ich seine Liebe so deutlich wie nie zuvor.

Kristie Masumi King gehört zur Gemeinde BYU 162, Pfahl 19 an der Brigham-Young-Universität.